Baustoff-Mangel RHEINPFALZ Plus Artikel Rheinland-Pfalz im Holz-Notstand

Mit Holz bauen soll dem Klima helfen. Aber wie ökologisch ist der Rohstoff noch, wenn er quer durch die Welt verschifft wird?
Mit Holz bauen soll dem Klima helfen. Aber wie ökologisch ist der Rohstoff noch, wenn er quer durch die Welt verschifft wird?

Holz ist knapp und teuer in Rheinland-Pfalz. Weil ihnen das Material fehlt, droht Handwerksbetrieben Kurzarbeit. Schuld daran ist auch ein kanadischer Käfer.

„Bald ist das Lager leer“, sagt Steffen Peifer. Seit mehr als 25 Jahren führt der Zimmermeister die Holzbaufirma Peifer in Wallhalben. Aber was sich zurzeit am Holzmarkt abspielt, das hat der 46-Jährige noch nicht erlebt. „Die Preise für Bauholz steigen täglich“, sagt er. Im Vergleich zu Dezember 2020 zahlt der Zimmermann heute das Doppelte für Fichtenholz. Hinzu kommen Lieferzeiten von bis zu drei Monaten – wenn er überhaupt noch an Holz kommt. „Die Händler machen inzwischen keine festen Zusagen mehr“, sagt Peifer.

Im waldreichen Rheinland-Pfalz wird das Holz knapp. Und nicht nur hier, der Baustoff ist in ganz Deutschland Mangelware. Hört man sich um, berichten Dachdecker, Zimmerer und so gut wie jeder Holzhandwerksbetrieb von ähnlichen Problemen: Verzögerte Bauvorhaben und die Befürchtung, dafür mit Konventionalstrafen belangt zu werden. Holzhausprojekte, bei denen die Handwerksbetriebe ein Minusgeschäft machen. Und die Unsicherheit, ob und wie es weitergehen soll.

„Wenn die Betriebe ihr Material nicht schnell genug bekommen, kann es passieren, dass viele rheinland-pfälzische Holzbauer demnächst Kurzarbeit anmelden müssen“, sagt Gerrit Horn. Der Kaiserslauterer Architekt und Zimmermeister ist Mitglied im Vorstand von „Holzbau Deutschland“. Er sagt, mit einer solch verheerenden Dynamik auf dem Holzmarkt konnten die Holzbauer hierzulande nicht rechnen.

Holzpreise schießen in die Höhe

Aber wie konnte es so weit kommen, dass die Sägen trotz voller Auftragsbücher in Kürze mancherorts schweigen werden? Während die Preise für Holz lange Zeit nahezu unverändert blieben, schießen sie seit Ende vergangenen Jahres in die Höhe. Kostete ein Kubikmeter Bauholz hierzulande vor Kurzem noch 300 bis 350 Euro, sind es aktuell zwischen 700 und 800 Euro.

Wer sich auf die Suche nach der Ursache für diese Preisexplosion begibt, wird aus der Pfalz in die internationale Handelspolitik hineinkatapultiert, mitten in einen Krimi, in dem neben dem ehemaligen US-Präsidenten Trump auch ein kanadischer Käfer die Hauptrolle spielt. Aber wie so oft in diesen Zeiten, beginnt auch die Geschichte der Holzknappheit mit Corona: Infolge der Pandemie boomt die Bauwirtschaft weltweit. Auch in Deutschland wird gebaut wie noch nie: Im vergangenen Jahr verzeichnete die Branche einen Rekordumsatz von 98,3 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 6,6 Prozent. Da in China zunehmend auf Holzbauten gesetzt wird und Russland einen Exportstopp für Rundholz verhängt hat, wird der globale Nadelschnittholz-Bedarf 2021 wohl höher sein als die Produktion.

Vor allem in den USA ist Fichten-Schnittholz äußerst beliebt. Dank großzügiger Corona-Hilfspakete der US-Regierung unter Donald Trump und der niedrigen Zinsen für Baudarlehen haben viele Amerikaner die Lockdown-Monate genutzt, um ihre Häuser zu reparieren oder auszubauen. Diesen immensen Holzhunger kann Kanada, der wichtigste Importmarkt der USA, nicht stillen. Denn dort zerstört der Bergkiefernkäfer Wälder in apokalyptischen Ausmaßen. Und hier kommt Deutschland ins Spiel: Weil deutsche Sägewerke für ihre Ware mit 400 bis 500 Euro pro Kubikmeter in den USA deutlich höhere Preise erzielen, stieg der Export über den Atlantik mit fast zwei Millionen Kubikmetern im Jahr 2020 um sagenhafte 54 Prozent. „Bei solchen Preisen liegt Amerika näher als die Westpfalz“, stellt Zimmermann Steffen Peifer frustriert fest.

Holz wird gehamstert wie Klopapier

Diesen Vorwurf möchte Stephan Lang, Geschäftsführer der Rettenmeier AG mit Hauptsitz im bayerischen Wilburgstetten, nicht auf sich sitzen lassen. Das Unternehmen betreibt unter anderem ein Sägewerk in Ramstein-Miesenbach mit 230 Beschäftigten. „Wir liefern so viel Holz nach Deutschland wie nie zuvor“, sagt er. Etwa 60 Prozent des Schnittholzes blieben im Land, der Rest werde in andere europäische Staaten exportiert.

Rettenmeier habe sich bewusst gegen Ausfuhren in die USA entschieden – wegen Risiken beim Transport, man habe aber auch hiesige Stammkunden nicht verärgern wollen. Natürlich profitierten deutsche Sägewerke von den weltweit hohen Preisen, sagt Lang. Der Sägewerkschef beklagt aber auch einen „Klopapiereffekt“ in der Branche. „Im Vergleich zum Vorjahr bestellen die Händler momentan die doppelten Mengen an Schnittholz bei uns“, sagt er. So wie die Deutschen zu Beginn der Pandemie Klopapier hamsterten, legen sich jetzt viele den Hof mit Holz voll – während der Rest vor leeren Lagern steht.

Verschärfend kommt hinzu, dass es in einigen Regionen nicht nur an Schnittholz fehlt, sondern auch Rohholz mittlerweile ein rares Gut ist. Denn der Export von deutschem Nadelrundholz ist in den vergangenen Jahren explodiert. Beliefen sich die Ausfuhren hierzulande im Jahr 2018 noch auf rund 3,9 Millionen Kubikmeter, waren es im vergangenen Jahr 11,6 Millionen – eine Steigerung von fast 200 Prozent.

Im rheinland-pfälzischen Wald fehlen Nasslager

Hintergrund dieses Anstiegs ist die Borkenkäferplage, die seit 2018 in den heimischen Wäldern wütet. Als Folge fielen riesige Mengen Schadholz an, die zu einem massiven Preisverfall beim Rohholz in Deutschland führten. Denn die hiesigen Sägewerke konnten gar nicht alles Käferholz verarbeiten. Die in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpfte Branche stieß an ihre Kapazitätsgrenze – wenngleich die deutschen Säger mit 25 Millionen Kubikmetern Schnittholz im vergangenen Jahr einen Rekord aufstellten.

Die niedrigen Preise machte deutsches Rohholz für die Chinesen attraktiv und das Kalamitätsholz wurde containerweise nach Asien verschifft. Auch in Rheinland-Pfalz nahmen die Exporte nach China deutlich zu: 2020 wurden aus dem rheinland-pfälzischen Staatsforst 239.000 Kubikmeter Rundholz nach China verschifft. Dies entspricht einem Plus von neun Prozent verglichen mit dem Vorjahr.

„Man kann das Holz nicht lange im Wald liegen lassen“, erklärt Klaus Dunkel von Landesforsten Rheinland-Pfalz. Um Notverkäufe wie in den vergangenen Jahren zu verhindern, brauche es ausreichend Nassholzlager. Im rheinland-pfälzischen Staatswald gibt es allerdings momentan lediglich zwei kleinere Lager. Drei bis vier weitere sind in Planung. „Für Nasslager sind hohe Investitionen nötig“, sagt Dunkel. Zudem sei es schwierig, passende Plätze mit einer ausreichenden Wasserversorgung zu finden.

Holzhäuser werden teurer

Noch sieht Dunkel keinen Rohholzmangel in Rheinland-Pfalz. Die Lager seien voll. „Eng könnte es werden, wenn der Käfer dieses Jahr weniger frisst“, sagt er. Dann würde weniger Holz als in den vergangenen Jahren geschlagen werden – was bei einer weiterhin hohen Nachfrage zu Versorgungsengpässen bei Fichtenholz führen könnte.

Was für Folgen hat die Holzknappheit langfristig für den Holzbau in Deutschland? Ist das Traumhaus aus dem ökologischen Baustoff für Familien bald nicht mehr bezahlbar? Gerrit Horn vom Interessenverband „Holzbau Deutschland“ warnt vor solchen Aussagen. „Wenn Sie ein Haus in Holzrahmenbauweise errichten, benötigen Sie in der Regel 15 bis 20 Kubikmeter Bauholz“, sagt er. Bei einer Preissteigerung von 50 Prozent gegenüber Ende 2020 folgten daraus Mehrkosten von 8000 bis 12.000 Euro für den Rohbau. Summen, die angesichts eh schon horrender Baupreise nicht so stark ins Gewicht fallen. Abgesehen davon hätten wegen des anhaltenden Baubooms auch die Preise bei anderen Baustoffen wie etwa Betonstahl deutlich angezogen, betont Horn.

Spricht man mit Vertretern der Holzbranche, geht ein Großteil davon aus, dass sich der Preis für Schnittholz im Laufe des dritten Quartals stabilisiert. Bis dahin könnte die hohe Nachfrage aus den USA zurückgehen, weil in Nordamerika neue Holzernten anstehen. Allerdings werde sich der Holzpreis langfristig auf einem deutlich höheren Niveau einpendeln, sind sich Experten sicher.

Holzexport über den Atlantik „größter Quatsch“

„Holz muss an Wertigkeit gewinnen“, sagt Rettenmeier-Geschäftsführer Stephan Lang. Schließlich sei Holz, wenn es geerntet werde, ein hundert Jahre alter Rohstoff, der noch von den Urgroßvätern der heutigen Waldbesitzer gepflanzt wurde. Lang ist sich sicher, dass sich demnächst auch die Schere zwischen Roh- und Schnittholzpreisen schließt und neben der Sägeindustrie auch die Waldbauern stärker vom weltweiten Holzbauboom profitieren.

Denn sicher ist: Das Bauen mit dem nachwachsenden Rohstoff wird auch künftig weiter im Trend liegen. In Deutschland steigt die Holzbauquote stetig um etwa ein Prozent jährlich, in Rheinland-Pfalz wurden 2019 rund ein Viertel aller Neubauten in Holzbauweise errichtet. Jetzt, wo der Nachschub mit dem ökologischen Baustoff langsam ausgeht, wird aber auch Kritik am Umgang mit Holz laut. „Es ist der größte Quatsch, Holz quer durch die Welt zu verschiffen“, bringt es Gerrit Horn auf den Punkt. Das Problem seien nicht nur die weiten Strecken, das Holz müsse für den Export auch behandelt, also begast werden. All dies hinterlasse einen schlechten CO2-Abdruck.

Geht es nach dem Architekten aus Kaiserslautern, sollte das Holz vorwiegend dort verarbeitet werden, wo es wächst. Ein Holzhandel ausschließlich innerhalb Europas könnte funktionieren, ist er sich sicher. Nach geltendem EU-Recht gibt es aber einen freien Handel mit Holz. Also wird rheinland-pfälzisches Holz auch in Zukunft per Schiene und Wasser über Tausende Kilometer auf andere Kontinente gelangen – während den hiesigen Handwerkern dieses Holz fehlt. Marktwirtschaft schlägt Ökologie.

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