Unternehmen RHEINPFALZ Plus Artikel Pharmakonzern Roche zeichnet düsteres Szenario für Deutschland

Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG.
Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG.

Eigentlich sollte Roche zufrieden sein: Die Geschäfte laufen sehr gut in Deutschland. Der Schweizer Pharmakonzern baut hierzulande deutlich Stellen auf – auch in Mannheim. Und er investiert massiv. Und doch warnte das Management am Dienstag in ungewöhnlich scharfen Worten.

Roche kündigte eine der größten Einzelinvestitionen bisher in Deutschland an: 600 Millionen Euro sollen in den bayerischen Standort Penzberg fließen. Dort wird ein neues Produktionsgebäude für Diagnostika entstehen, das 2027 in Betrieb gehen soll. In Mannheim wird gerade ein neues Distributionszentrum für Diagnostika gebaut, also ein Versandzentrum etwa für Produkte, die für medizinische Labortests eingesetzt werden. 327 Millionen Euro wurden 2022 am Standort investiert. In der Quadratestadt hat Roche im vergangenen Jahr 250 neue Stellen geschaffen und die Mitarbeiterzahl auf 8650 erhöht.

Claudia Fleischer, Geschäftsführerin der Roche Diagnostics GmbH, Mannheim, sagte am Dienstag, sie gehe von einem weiteren Beschäftigungswachstum in Mannheim aus. An allen Standorten in Deutschland zählte Roche Ende 2022 rund 18.000 Mitarbeiter, 500 mehr als ein Jahr zuvor. Das Geschäft in Deutschland sei profitabel und „grundgesund“, sagte Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG in Grenzach-Wyhlen. Der Umsatz in Deutschland – bereinigt um Exporte und coronabedingte Sondereffekte – kletterte um 4,6 Prozent auf 7,3 Milliarden Euro.

„Verdammt schlecht gemacht“

Und doch: Fleischer äußert „große Sorgen“, dass Roche in Deutschland „mehr und mehr die Luft abgeschnürt wird“. Hier werde mit der pharmazeutischen Industrie eine „Leitindustrie aufs Spiel gesetzt“. Grund ihrer Sorge ist das im Oktober 2022 vom Bundestag verabschiedete GKV-Finanzstabilisierungsgesetz von Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Pfundner nennt es „verdammt schlecht gemacht“. Aus Sicht der Bundesregierung reformiert es die Finanzierung in allen Bereichen der gesetzlichen Krankenversicherung: bei Arzneimittelpreisen, Arzt-Honoraren, den Finanzreserven der Krankenversicherungen, bei den Apotheken. Damit werde ein 17 Milliarden Euro großes Defizit ausgeglichen, das die Vorgängerregierung hinterlassen habe.

Für Hagen Pfundner trifft es vor allem die Pharmaindustrie. Das Gesetz sehe Zwangsrabatte von bis zu 32 Prozent bei Arzneimittelpreisen vor und würde zu einem Umsatzrückgang von weit über 100 Millionen Euro für Roche in Deutschland führen. Gesundheitspolitik sei auch Wirtschaftspolitik, betont der Roche-Manager, der von sich sagt, er sei „mit Leib und Seele auch Lobbyist“. Roche jedenfalls werde den Klageweg voll ausschöpfen. Und alle Neuinvestitionen in Deutschland, die noch nicht vertraglich besiegelt seien, stünden auf dem Prüfstand. Er sei aber zuversichtlich, dass die Bundesregierung noch rechtzeitig erkenne, dass der Gesetzgeber hier zu weit gegangen sei und einiges wieder entkräften werde. Ansonsten befürchte er eine schleichende Deindustrialisierung und „massive Bremsspuren“ bei Innovationen in der Krebsbehandlung.

Am Roche-Standort Mannheim arbeiten rund 8650 Menschen für den Schweizer Pharmakonzern.
Am Roche-Standort Mannheim arbeiten rund 8650 Menschen für den Schweizer Pharmakonzern.
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