Digitales Leben RHEINPFALZ Plus Artikel Neue GIMP-Version: Die Evolution der Bildbearbeitung

GIMP: Viele Funktionen auf einer sauber geordneten Oberfläche.
GIMP: Viele Funktionen auf einer sauber geordneten Oberfläche.

GIMP ist ein Klassiker. Aber bei einem Open-Source-Programm dauern Updates manchmal länger. Nach sechs Jahren Entwicklungszeit gab es im vergangenen Sommer eine Rundumerneuerung. Und ganz aktuell steht die Version 2.10.32 zum weiterhin kostenlosen Download zur Verfügung. Kann sie mit dem teuren Abo-Programm Adobe Photoshop mithalten?

Von Jo Wüllner

Der Direktvergleich mit Photoshop ist ungerecht in beide Richtungen. Hinter Photoshop steht eines der größten Softwarehäuser, hinter GIMP ein engagiertes freies Entwicklerteam. Dennoch lässt GIMP grundsätzlich wenig von dem vermissen, was Photoshop auszeichnet. Im Detail sind die Bedienoptionen von Photoshop aber ausgereifter. Das macht sich vor allem beim Umgang mit Freistellern, Ebenen und Maskierungen bemerkbar. All das sind aber Feinheiten, die eher im Profibereich entscheidend sind.

Für Normalanwender liefert GIMP bereits mehr, als im Alltag gefordert ist. GIMP beherrscht auch den Austausch von störenden Elementen bis hin zum Ersetzen des kompletten Hintergrundes. Beeindruckend sind die Spezialwerkzeuge zum Freistellen auch komplizierter Objekte. Das Vordergrundauswahl-Tool ist sehr treffsicher, wenn beispielsweise Menschen freigestellt werden sollen.

Die Bedienoberfläche

Der Look der Bedienoberfläche ähnelt stark etwas älteren Versionen von Photoshop. Sowohl bei GIMP als auch bei Photoshop lässt sich die Benutzeroberfläche so anpassen, dass die Werkzeuge, die man regelmäßig verwendet, im Fenster angezeigt werden. Im Vergleich zu GIMP können in Photoshop aber verschiedene Bedienfelder aktiviert oder deaktiviert werden, was bei GIMP nicht funktioniert. Die gute Nachricht: Die Menüoberfläche ist trotz neuer und veränderter Funktionen benutzerfreundlicher geworden. Das liegt auch am Redesign der Funktionsicons, die jetzt je nach Geschmack und Bildschirmauflösung auch in unterschiedlichen Größen und Grafikstilen in den Programmrahmen eingespielt werden können. Beide Programme können mit einer Vielzahl von Bildformaten umgehen. Ein Bild, das in vielen Schritten verändert wurde, lässt sich mit Photoshop aber sehr schnell schrittweise oder komplett rekonstruieren. Bei GIMP ist das eher mühselig und zeitraubend.

Raw-Bilder bearbeiten

Bei der Bearbeitung von Raw-Bildern ist Photoshop eindeutig im Vorteil. Das Programm verfügt über einen gut integrierten Raw-Editor, der sich in einem Extrafenster öffnet und sehr viele Funktionen bietet. GIMP greift stattdessen auf ein anderes Open-Source-Programm namens Darktable zu. Wer Raw-Bilder perfekt bearbeiten will, nutzt aber eh keines der Programme, sondern eher Capture One Pro oder Adobe Lightroom, das wie Photoshop nur im Abo zur Verfügung steht. Für alle anderen sind die Raw-Funktionen von GIMP ausreichend. Wer sich dazu durchringt, seine Smartphonekamera auf dieses Format umzustellen, wird begeistert sein, was auch aus „flau“ wirkenden Bildern herauszuholen ist.

Künstliche Intelligenz

In allen Bereichen der Bildbearbeitung boomt die Anwendung Künstlicher Intelligenz. Photoshop hat bereits KI-Funktionen unter dem Etikett „Neuronale Filter“ eingeführt. Die helfen beim Klonen von Bildobjekten, bei den Auswahlwerkzeugen oder dem Reparaturwerkzeug. KI analysiert aufgrund des „Wissens“ um einen plausiblen Bildaufbau ein Bild nach Wahrscheinlichkeiten und liefert gute bis sehr gute Vorschläge. GIMP besitzt solche Werkzeuge nicht, was vielleicht eines der größten Nachteile ist. Hier liegen momentan die Grenzen von Open-Source-Teams. Das kann sich aber bald ändern, weil auch im Bereich Künstlicher Intelligenz immer mehr Open-Source-Projekte aufgelegt werden.

Bis dahin lohnt es sich dennoch, GIMP zumindest zu testen. Unter den kostenlosen und preisgünstigen Bildbearbeitungsprogrammen ist es eines der leistungsstärksten. GIMP konnte schon immer viel. Was aber auch heißt: GIMP lässt sich nicht mal eben anwenden. Wer den Reichtum an Funktionen anwenden will, muss Einarbeitungszeit einkalkulieren.

x