130 KM / H auf Autobahnen RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Tempolimit Russland bremsen?

Situatives Tempolimit auf der A8 zwischen München und Augsburg.
Situatives Tempolimit auf der A8 zwischen München und Augsburg.

Langsamer fahren, Sprit sparen – und damit den Öllieferanten Russland weniger unterstützen: Kann dabei eine generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf deutschen Autobahnen helfen? Schon jetzt liegt die empfohlene Richtgeschwindigkeit bei 130 km/h.

Die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen wird in Deutschland schon lange kontrovers diskutiert. Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nimmt das Thema wieder Fahrt auf. Durch eine geringere Geschwindigkeit sollen Fahrzeuge weniger Kraftstoff verbrauchen und damit weniger importiertes Öl aus Russland nötig machen.

Ja, aber ...

Kann ein Tempolimit auf der Autobahn Deutschland wirklich weniger abhängig von russischen Öl-Importen machen? Ja – aber der Kraftstoffgesamtverbrauch von Autos würde laut Experten nur um etwa 1,5 bis 4 Prozent sinken. Deutschland hat im Jahr 2021 etwa 81 Millionen Tonnen Rohöl importiert. Davon kamen 35 Prozent aus Russland, also gut 28 Millionen Tonnen. Aus einem Liter Rohöl werden im Durchschnitt in deutschen Raffinerien nach Expertenangaben etwa 0,2 bis 0,35 Liter Sprit hergestellt, je nachdem, ob es sich um Benzin oder Diesel handelt. Bis Ende 2022 will Deutschland in diesem Bereich nahezu unabhängig von Russland sein.

Der Verkehrsbereich hat es in sich

Alleine Autos haben in Deutschland im Jahr 2020 nach vorläufigen Angaben des Bundesverkehrsministeriums 23,82 Milliarden Liter Benzin und 18,3 Milliarden Liter Diesel verbraucht. Der Verkehrsbereich bietet also große Einsparpotenziale beim Ölverbrauch.

70 Prozent ohne Limit

Deutschlands Autobahnen sind insgesamt etwa 13.000 Kilometer lang. Nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) liegt der Anteil von Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung am gesamten Autobahnnetz bei 70 Prozent. Das heißt: Auf gut 9000 Autobahnkilometern gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung.

Allgemein gilt: Je schneller ein Fahrzeug unterwegs ist, desto mehr Sprit ist nötig. Ein Grund ist der Luft- und Roll-Widerstand, der sich mit zunehmender Geschwindigkeit erhöht. Das heißt im Umkehrschluss: Je stärker ein Tempolimit umgesetzt wird, desto weniger hoch sind Kraftstoffverbrauch und Umweltbelastung.

Der Auspuff ...

Wer Sprit verbraucht, schädigt dabei immer mit Kohlendioxid (CO2) aus dem Auspuff die Umwelt. Die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren erklärt dazu: „Wenn ein Fahrzeug einen Liter Benzin verbraucht, stößt es etwa 2,37 Kilogramm CO2 aus. Wurde Diesel getankt, sind es 2,65 Kilogramm CO2.“

Das Umweltbundesamt (UBA) betrachtet Benzin- und Diesel-Pkw auf Autobahnen nicht getrennt, „da die CO2-Emissionen der durchschnittlichen und damit typischen Fahrzeuge in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit sehr ähnlich sind“. Daher liegt den folgenden Rechnungen die Annahme zugrunde, dass beim Verbrauch von einem Liter Benzin 2,5 Kilogramm CO2 entstehen.

Autos in ländlichen Gebieten

Das Auto ist in Deutschland das meistgenutzte Fortbewegungsmittel. 57 Prozent aller Wege werden im Auto zurückgelegt, in ländlichen Regionen sind es 70 Prozent. Das geht aus dem Ergebnisbericht „Mobilität in Deutschland“ hervor. Nach Angaben des UBA verursachten Pkw und leichte Nutzfahrzeuge 2020 auf Autobahnen in Deutschland Treibhausgasemissionen in Höhe von rund 30,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Der Begriff dient als Maßeinheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase.

Die Berechnungen haben ergeben, dass Tempo 130 auf Autobahnen 1,5 Millionen Tonnen an CO2 und damit 600 Millionen Liter Sprit einsparen würde. Während es sich beim CO2-Ausstoß um etwa 5 Prozent der Gesamtmenge handelt, sinkt der Kraftstoffgesamtverbrauch von Autos durch diese Maßnahme nur um knapp 1,5 Prozent.

Wegen Pandemie niedriger

Größere Potenziale zu Einsparungen gelingen nur mit drastischeren Tempolimits, so Expertenberechnungen: Bei maximal Tempo 120 auf der Autobahn würden die Emissionen laut UBA um jährlich 2,0 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten reduziert – umgerechnet sind das 800 Millionen Liter Kraftstoff. Bei einem Tempolimit von 100 km/h sind es 4,3 Millionen Tonnen CO2 – immerhin gut 1,7 Milliarden Liter Sprit, also etwa 4 Prozent des Gesamtverbrauchs von Autos.

Die Umweltbehörde weist daraufhin, dass die Fahrleistung 2020 wegen der Pandemie niedriger ausfiel als in den Vorjahren. Zum Vergleich: Mit den Werten von 2018 ging das UBA bei Tempo 130 von einer Einsparung von 1,9 Millionen Tonnen CO2 aus, bei 120 von 2,6 Millionen Tonnen und bei 100 von 5,4 Millionen Tonnen. Würden auch die im Ausland getankten und in Deutschland genutzten Kraftstoffe eingerechnet, läge der Effekt laut UBA „um 14 Prozent höher“.

AvD: „Falsche Annahme“

Wie bewertet zum Beispiel der Automobilclub von Deutschland (AvD) mit Sitz in Frankfurt die Tempolimit-Diskussion in Deutschland? Es erscheine „wenig plausibel“, dass die Einführung einer generellen Tempobeschränkung einen relevanten Effekt auf die CO2-Emissionen und damit auf den Klimaschutz haben solle. Zumal bei der Angabe des Einsparungspotenzials offensichtlich von der „falschen Annahme ausgegangen wurde, dass auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit alle Autofahrer permanent mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs sind“.

Wie es auf der Internetseite des Vereins unter „Standpunkte“ heißt, sei die Verkehrsdichte auf den fraglichen Strecken nicht selten so hoch, dass ohnehin kaum mehr als Richtgeschwindigkeit gefahren werden könne. Lässt es die Verkehrslage dann doch einmal zu, auch höhere Geschwindigkeiten zu fahren, werde dies nur von einem Teil der Autofahrer genutzt. Augenscheinlich sei eine deutliche Mehrheit der Autofahrer auch dann in einem Geschwindigkeitsbereich zwischen 120 und 140 km/h unterwegs, wenn höhere Geschwindigkeiten erlaubt und möglich wären.

Und wie sieht es mit dem Sicherheitsaspekt aus? Schon seit Jahren wiesen die Statistiken Autobahnen als die sichersten Straßen aus, betont der AvD.

Was BUND und ADFC meinen

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) ist dagegen für ein striktes Tempolimit und fragt: „Ist es wirklich ’Freiheit’, mit Tempo 200 über die Autobahn zu rasen? Die Raserei treibt nicht nur die Unfallstatistik nach oben, sondern trägt auch zur Klimakrise mit bei.“

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat ebenfalls eine klare Tempo-Forderung, allerdings betrifft diese nicht die Autobahnen. Der Verein setzt sich dafür ein, dass Tempo 30 innerorts die Regelgeschwindigkeit wird und dass damit auf allen Straßen in Städten und Dörfern standardmäßig Tempo 30 gilt. Nur für Hauptverkehrsstraßen könne eine höhere zulässige Höchstgeschwindigkeit (Tempo 50) festgelegt werden. Jedoch nur, wenn es eine lückenlose und sichere Radverkehrsführung gebe.

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