Wirtschaft Leitartikel: Volle Fahrt in den Kollaps

Preiskontrollen, De-Industrialisierung und konsequentes Vergraulen der
Privatindustrie: Venezuela hat mit seinem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ die Wirtschaft des Landes an den Rand des Ruins gesteuert. Das Land mit den weltweit größten
Ölreserven importiert für Hunderte Millionen Dollar Sprit aus den USA.
Es ist noch gar nicht so lange her, da wuchsen die Venezolaner mit einer Vorstellung auf, die bizarr anmutet: Eigentlich müsse man ja gar nicht arbeiten, lautete die Überzeugung in weiten Teilen der Bevölkerung. Schließlich sei der Staat mit seinen Ölvorkommen so reich, dass er die Bürger unterhalten und mit einer Art lebenslangen Rente versorgen könne. Dieses karibische Schlaraffenland hat es so nie gegeben, auch wenn sich seit Jahrzehnten schon die Eliten von rechts bis links an dem schwarzen Gold bereichert haben. Aber diese Vorstellung beleuchtet das Dilemma des südamerikanischen Landes, dessen Fluch und Segen die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven sind. Ein wenig von dieser Mentalität findet sich heute noch in der Tatsache, dass das Benzin in Venezuela praktisch verschenkt wird. Sich den Tank zu füllen, ist billiger als die Flasche Mineralwasser, die man in Zeiten vor der Versorgungskrise noch an der Tankstelle kaufen konnte. Die Venezolaner glauben allen Ernstes, man müsse für Benzin nicht zahlen, weil so viel Rohöl unter Böden und Seen des Landes schlummert. Seit die sogenannten Chavisten erst unter Hugo Chávez 1999 und dann seit 2013 unter Nicolás Maduro das Ruder der Regierung übernommen haben, hat sich die Abhängigkeit vom Öl noch zugespitzt. 95 Prozent der Exporte Venezuelas sind Rohöl, alle anderen Industriezweige wurden über die Jahre konsequent abgewirtschaftet oder stillgelegt. Ein Dollar mehr oder weniger beim Rohölpreis am Weltmarkt bedeutet für Venezuela aufs Jahr gerechnet 750 Millionen Dollar mehr oder weniger in der Kasse. Aber da der Ölpreis in den vergangenen Jahren deutlich nachgegeben hat und das Land inzwischen weniger Öl als China fördert und nur noch ein Viertel von dem, was Saudi-Arabien produziert, hat der Staat praktisch kein Geld mehr für Importe. Für eine Volkswirtschaft, die von Toastbrot bis zum Toilettenpapier alles im Ausland zukaufen muss, ist das fatal. Zudem können nach Jahren der Misswirtschaft und fehlender Investitionen im Erdölsektor die heimischen Raffinerien kaum noch genug Benzin produzieren. Also gibt das Land Hunderte Millionen Dollar aus, um Sprit aus den USA zu importieren. Geld, das Venezuela eigentlich nicht hat. Gerade noch rund 10 Milliarden Dollar (9,2 Mrd Euro) Devisenreserven schlummern auf den Staatskonten. Neben dem Verfall der Ölpreise und der heimischen Ölindustrie sind es vor allem die Folgen einer verfehlten Wirtschaftspolitik mit Devisen- und Preiskontrollen, De-Industrialisierung und dem konsequenten Vergraulen der Privatindustrie, die das Land auf den Kollaps zusteuern lässt. Und so ist der dortige „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ längst am Ende. Die Wirtschaft Venezuelas schrumpfte laut Internationalem Währungsfonds (IWF) 2016 um 10 Prozent und wird Ende dieses Jahres um 23 Prozent kleiner sein als im Jahr 2013, als Maduro die Macht übernahm. Der IWF sagt dem Land dieses Jahr eine Hyperinflation von 2000 Prozent voraus. Da wundert es nicht, dass dem sozialistischen Musterländle nun auch noch der finanzielle Kollaps droht. Die Regierung in Caracas muss 2017 knapp 10 Milliarden Dollar an ihre Gläubiger zurückzahlen. Zusammen haben der Staat und der staatliche Ölkonzern PDVSA Anleihen im Wert von 110 Milliarden Dollar begeben. Zusammen mit den Zinszahlungen summieren sich die Gesamtforderungen auf bis zu 170 Milliarden Dollar: Geld, das Venezuela nicht hat. Es droht der größte Zahlungsausfall in Lateinamerika seit dem Staatsbankrott Argentiniens vor gut 15 Jahren.