Wirtschaft Leitartikel: Das Dauer-Dilemma

Es herrscht keine Panik an der Börse wegen der anhaltenden Niedrigzins-Phase. Spürbar ist aber, dass die Ungeduld bei professionellen Anlegern wächst. Kleinanleger sollten weiterhin gelassen bleiben. Die Rückkehr zur Normalität an den Aktienmärkten wird in kleinen Schritten erfolgen.
Es war ein Schock für Aktienanleger. Nach einer monatelangen Rallye, bei der die Kurse sich zu immer neuen Rekorden aufschwangen, ging es vor knapp zwei Wochen an der Börse plötzlich scharf bergab. Das waren weder die Anlageprofis, noch die Kleinanleger mehr gewohnt. Schließlich waren die Kurse in den USA im ersten Amtsjahr von Präsident Donald Trump um satte 50 Prozent gestiegen, und auch der deutsche Leitindex Dax war auf einen Höchststand geklettert. Die banale Tatsache, dass auch die Börse keine Einbahnstraße ist, war in Vergessenheit geraten, und der Absturz kam völlig überraschend. Die Überraschung war umso größer, als es für die Talfahrt tatsächlich keinen fundamentalen Grund gab. Natürlich wird ein bisschen darüber spekuliert, dass die Leitzinsen in den USA unter dem neuen Fed-Chef Jerome Powell nun doch etwas schneller ansteigen könnten als unter der bisherigen Chefin der US-Notenbank Janet Yellen. Natürlich könnte dies auch dazu führen, dass die Preise schneller steigen, was wiederum zu weiteren Zinserhöhungen führen könnte und damit die Geldanlage in Aktien weniger attraktiv machen würde. Aber erstens sind das nur Spekulationen, die selbst dann, wenn sie Wirklichkeit würden, ihre Wirkungen erst in vielen Monaten entfalten würden. Und zweitens geht es nicht um das grundsätzliche Ende der Niedrigzinsphase. Selbst wenn, wie manche Experten vermuten, die US-Leitzinsen bis zum Jahresende auf 1,5 Prozent ansteigen würden, würde dies nicht für alle anderen Anlagen auch bedeuten, dass damit wieder gute Renditen zu erwirtschaften sind. Das Dilemma, in dem Kleinanleger, Versicherungen und Rentenkassen stecken, wird sich nicht so schnell lösen. Die Rückkehr zur Normalität wird in kleinen Schritten erfolgen. Dabei wird es darauf ankommen, ob sich die Wirtschaft weiterhin gut entwickelt. Ein kleines Risiko ist dabei der derzeit starke Euro, der das bisher erwartete Plus für die deutsche und europäische Wirtschaft drücken könnte, weil europäische Waren in Dollar-Ländern teurer geworden sind. Wichtig ist für kleine wie große Anleger daher, weiterhin Ruhe zu bewahren. Für Aktien gilt das allemal. Schon der „Börsenguru“ Andre Kostolany hatte dazu geraten, eine Aktie zu kaufen, sie unter das Kopfkissen zu legen und keine Börsenkurse mehr zu lesen. Zwiespältig bleibt die Niedrigzinsphase dennoch – schon häufig haben Bundesbankpräsident Jens Weidmann und andere Experten auf die negativen Nebenwirkungen hingewiesen. Inzwischen haben sich noch einige Entwicklungen mehr ergeben, die auch nicht unbeachtet bleiben sollten. Dabei geht es zum Beispiel um die „Kryptowährungen“, um virtuelles Geld, mit dem viel spekuliert wird, das aber letztendlich dann doch in harte Währung umgewandelt werden muss. Wie die Kursentwicklung des Bitcoin zeigt, ist auch das kein Ausweg aus dem Niedrigzins-Dilemma. Gut ist: Es herrscht keine Panik an den Märkten. Spürbar ist aber, dass die Ungeduld wächst. Das Finanzsystem ist so aufgebaut, dass das Geld darin bewegt werden muss. Wenn sich diese Bewegung nur auf eine Anlageklasse konzentriert wie aktuell auf den Aktienmarkt, dann kommt es früher oder später zur Unruhe unter den Investment-Profis. Kleinanleger aber sollten weiterhin gelassen bleiben und bei ihrer Anlage auf eine ausgewogene Mischung achten. Chancen für eine vergleichsweise ordentliche Rendite gibt es weiterhin am Aktienmarkt.