Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Kommentar: An den internationalen Börsen herrscht übertriebener Optimismus

Die Kurse an den Börsen haben sich weltweit erstaunlich schnell erholt.
Die Kurse an den Börsen haben sich weltweit erstaunlich schnell erholt.

Kaum, dass zwecks Eindämmung der Corona-Pandemie Mitte März die Schulen und viele Geschäfte geschlossen worden waren, ging es an den Aktienmärkten schon wieder bergauf.

Es ist paradox: Der Deutsche Aktienindex (Dax), das wichtigste deutsche Börsen-Barometer, ist seit dem 18. März mit dem vorläufigen Jahrestief von 8442 Zählern um gut 30 Prozent gestiegen. Ähnlich verhält es sich mit dem amerikanischen Leitindex S&P 500 – obwohl das Coronavirus in den Vereinigten Staaten schlimmer wütet als in Deutschland. Miserable Konjunkturdaten haben die Rally am Donnerstag vorerst beendet. Sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone ist die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal dramatisch eingebrochen. Und das, obwohl Ladenschließungen, Produktionsstopps und Reisebeschränkungen auf beiden Seiten des Atlantiks erst Mitte März angeordnet wurden. Damit ist klar: Das laufende Quartal wird noch schlechter. Denn weite Teile der Wirtschaft waren im April lahmgelegt.

Gastronomiebetriebe, die Tourismusbranche und Kulturveranstalter wissen bis heute nicht, wie es weitergehen soll. Und auch andere Unternehmen werden trotz erster Lockerungen noch lange unter einer geringen Nachfrage zu leiden haben. Denn echte Konsumlaune wird angesichts der Sicherheitsauflagen und der Einkommenseinbußen, die viele Verbraucher wegen Kurzarbeit oder Jobverlust erleiden oder befürchten müssen, in den nächsten Monaten nicht aufkommen.

Die USA leiden unter der Corona-Pandemie besonders

Die Folgen der Corona-Pandemie für den Arbeitsmarkt sind in den USA, wo Entlassungen einfacher sind als in Europa, besonders heftig: 30 Millionen Amerikaner haben sich seit Mitte März arbeitslos gemeldet. Das lässt die Kursentwicklung an der Wall Street geradezu zynisch erscheinen: Die Leitindizes S&P 500 und Dow Jones verzeichneten im April den höchsten Monatsgewinn seit 33 Jahren.

Gewiss, es gibt auch positive Signale: Die befürchtete Überlastung der Krankenhäuser ist in Deutschland und einer Reihe anderer Staaten ausgeblieben. Schwer von der Pandemie gebeutelte Ländern wie Italien wollen im Mai die Ausgangssperre beenden. China und Südkorea machen Hoffnung, dass es mit Abstandsregeln und Maskenpflicht tatsächlich gelingen kann, wieder öffentliches Leben zu ermöglichen - ohne dass die Anzahl der Neuinfektionen wieder in die Höhe schnellt.

Rückkehr zur Normalität nicht ohne Impfstoff

Eine Rückkehr zur Normalität und eine wirtschaftliche Erholung auf breiter Basis wird es aber erst geben, wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht – und zwar in ausreichender Menge. Selbst nach optimistischen Prognosen ist damit erst in einem Jahr zu rechnen. Für 2020 sieht es deshalb düster aus: Die Europäische Zentralbank erwartet, dass die Wirtschaftsleistung in der Währungsunion um mindestens 5, im schlimmsten Fall um 12 Prozent einbricht. Damit drohen auch am Aktienmarkt Rückschläge. Selbst wenn die Notenbanken den Geldhahn noch weiter aufdrehen, werden sie die Kurse nicht dauerhaft stützen können. Denn anders als in der Finanz- und Eurokrise sind die Zinsen dieses Mal nicht die entscheidende Stellschraube. Der Zugang zu günstigen Krediten ist für die Unternehmen zwar auch jetzt wichtig – doch mit Darlehen können Produktionsausfälle und Absatzprobleme nur für eine gewisse Zeit überbrückt werden.

In Panik sollten Anleger trotzdem nicht verfallen. Ob es sinnvoll ist, zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu verkaufen, hängt vom Anlageziel ab: Wer Aktien oder Aktienfonds für den langfristigen Vermögensaufbau hält oder in einen Sparplan einzahlt, tut gut daran, die Krise auszusitzen. Wenn der Impfstoff 2021 kommt, dürfte auch die Wirtschaft nächstes Jahr wieder kräftig wachsen. Wer dagegen in den nächsten Monaten eine größere Investition plant – beispielsweise einen Hauskauf – kann nach der Erholung der vergangenen Wochen guten Gewissens seine Aktien zu Geld machen. Für einen Einstieg aber lohnt es sich vermutlich, noch ein wenig zu warten.

x