Interview
IG-Metall-Chef: „Die Wut der Beschäftigten wächst“
Herr Hofmann, wie hält es die IG Metall als Arbeitgeber mit dem Arbeiten im Homeoffice?
Hier in unserer Frankfurter Zentrale stehen derzeit viele Büros leer. Eine Minimalbesetzung arbeitet noch vor Ort. Die große Mehrheit arbeitet im Homeoffice.
Laut der neuen Verordnung des Bundesarbeitsministers müssen Betriebe ihren Mitarbeitern Homeoffice ermöglichen, solange nichts Zwingendes dagegen spricht. Reicht das aus, um mehr Beschäftigten Homeoffice zu ermöglichen?
Homeoffice hat doch immer zwei Seiten. Zum einen muss der Arbeitgeber es zuzulassen, wenn es möglich ist. Zum anderen müssen Bedingungen gegeben sein, dass der Mitarbeiter auch über längere Zeit von zu Hause arbeiten kann, Es ist bestimmt keine Perspektive, zu Hause auf dem Bügelbrett arbeiten zu müssen. Und selbst wenn beide wollen, stellt sich die Frage, ob die Technik, etwa zur Datenübertragung, ausreicht.
Erreichen Gewerkschaften überhaupt die Menschen im Homeoffice? Ist da noch kollegialer Zusammenhalt möglich? Und, mit Blick auf die laufende Tarifrunde: Sind unter diesen Gegebenheiten größere Streiks denk- und organisierbar?
Es gelingt schon, einen systematischen Kontakt zu den Beschäftigten im Homeoffice zu halten. Wichtig ist der zweite Punkt: das gemeinsame Erleben – das fehlt oft. Aber viele Beschäftigte in unserer Branche arbeiten ja direkt in der Produktion, die werden ihre Maschinen nicht nach Hause tragen. Die bleiben also im Betrieb und sind so für uns erreichbar, auch in der Tarifrunde.
Die Arbeitgeber halten die Streikgefahr offensichtlich für überschaubar. Sie argumentieren: Die Menschen haben ganz andere Sorgen, müssen ihr Leben organisieren, fürchten um ihre Jobs. Da wird offenbar darauf gesetzt, dass die Streikbereitschaft nicht so groß sein wird.
Natürlich machen sich die Leute Sorgen um ihre Zukunft, um ihre Beschäftigung. Aber die Arbeitgeber geben ihnen keine Antwort auf ihre Fragen. Genau dort setzt die IG Metall an. Wir suchen und bieten auch Antworten darauf, wie man die Zukunft für die Beschäftigten sicherer machen kann, wie trotz Krise und Einkommensverlusten einigermaßen stabile Einkommen gesichert werden können. Deshalb bin ich mir sicher, dass die Menschen nicht aus Angst zu Hause bleiben, sondern für ihre Anliegen und Themen kämpfen werden. Gerade, weil es Sorgen gibt, weil die Wut über die Ignoranz bei manchen Arbeitgebern wächst.
Die Arbeitgeber haben in den bisherigen zwei Verhandlungsrunden eigene Forderungen präsentiert: Statt zu steigen, sollen die Lohnkosten sinken; zudem soll es leichter werden, vom Tarifvertrag abzuweichen. Ist da ein Abschluss bis zum Ende der Friedenspflicht Ende Februar noch realistisch?
Die bisherigen Reaktionen der Arbeitgeber auf unsere Forderung bringen mich nicht aus der Ruhe. Allerdings zeigt sich, dass in den einzelnen Regionen unterschiedlich debattiert wird. In manchen Regionen werden unsere Punkte sehr konstruktiv aufgegriffen, zum Beispiel die Forderung nach Zukunftstarifverträgen in den Betrieben. Auf der anderen Seite meinen die Arbeitgeber im Südwesten, sie könnten den Abbau tariflicher Rechte fordern. Das bringt uns nicht weiter, da finden faktisch keine Gespräche statt.
Das heißt, aus Gewerkschaftssicht wäre es dieses Mal angebracht, nicht wieder in Baden-Württemberg abzuschließen?
Für solche Festlegungen ist es noch viel zu früh.
Teile der Metall- und Elektrobranche, zum Beispiel die Automobilindustrie, hatten schon vor Ausbruch der Pandemie Probleme. Können Sie beziffern, wie viele Arbeitsplätze durch die Transformation bereits weggefallen sind?
Das ist kaum zu beziffern. Fakt ist, dass es über die einzelnen Branchen Stand vergangenen November im Vergleich zum November 2019 insgesamt ungefähr 120.000 Arbeitsplätze weniger gab. Das ist schon einmal ein Wort. Dazu kommen die Leiharbeiter, die abgemeldet wurden, die nicht verlängerten Befristungen, die ausgelaufenen Werkverträge. Was davon auf die Transformation, was auf durch die Pandemie verstärkte konjunkturelle Probleme, was auf Verlagerung von Produktionsstätten in Niedriglohnländer entfällt, lässt sich nicht exakt auseinanderhalten.
Die EU hat kurz vor Weihnachten ihre Klimaziele bis 2030 nochmals verschärft. Das wird auch die Automobilindustrie treffen. Inzwischen wird schon ein faktisches Verbot des Verbrennungsmotors befürchtet.
Die von Ihnen erwähnten Pläne, Stichwort Euro-7-Norm, würden faktisch das verkappte Ende des Verbrenners bedeuten, weil das nicht mehr rentabel wäre. Ob das auch politisch umgesetzt wird, weiß noch keiner. Durch die Verschärfung der Klimaziele hat sich der Druck nochmals extrem erhöht. Jetzt bräuchten wir bis 2030 nach Schätzungen statt 7 bis 10 Millionen Fahrzeugen mit E-Antrieb 14 bis 16 Millionen. Da finde ich es erfreulich, dass es aufgrund der hohen Subventionen eine echte Dynamik bei den Neuzulassungen von Elektro- und Hybridfahrzeugen gibt. Aber es gibt zwei andere Probleme: Einerseits entwickelt sich die Lade-Infrastruktur weiter im Schneckentempo. Ich gehe davon aus, dass wir schon bald erleben, dass Autofahrer mit ihren Wagen an Elektro-Ladestationen Schlange stehen. Zudem haben wir echte Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Batteriezellen und Halbleitern, das heißt stabile Lieferketten stellen derzeit eines der größten Risiken dar.
Deshalb stellt sich derzeit gar nicht so sehr die Frage, ob die Automobilindustrie die gesteckten Ziele erreichen kann. Vielmehr müssen wir fragen, ob der Ausbau der Infrastruktur Schritt hält und ob die Versorgung mit notwendigen Teilen in Europa sichergestellt werden kann.
Was erwarten Sie von der Politik, um die Transformation einerseits zu fördern und andererseits sozial abzufedern?
Da wurden beim letzten Autogipfel einige richtige Spuren gelegt. Zum Beispiel soll in den Regionen, die vom Wandel besonders betroffen sind, eine aktive Strukturpolitik betrieben werden. Aber da stelle ich derzeit ein Umsetzungsdefizit fest. Deshalb sollten wir, ehe über weitere Förderprogramme geredet wird, erst einmal die bestehenden Programme umsetzen. Was mich ärgert: Die Politik diskutiert gerne über Ziele und Zahlen, die erreicht werden sollen. Was aber fehlt ist die Debatte, wie der konkrete Weg dorthin aussieht.