Opel
IG-Metall-Bezirksleiter: „Stellantis schürt Angst“
Herr Köhlinger, ist Opel schon auf die IG Metall als Sozialpartner zugekommen, um über die Ausgliederungspläne zu sprechen?
Nein, es gab noch keinen Kontakt. Das ist genau das, was wir kritisieren: Stellantis kündigt immer wieder Entscheidungen an, ohne den Sozialpartner beziehungsweise die Tarifvertragsparteien und Betriebsräte zu konsultieren. Das Stellantis-Management agiert völlig intransparent, legt die Karten nicht auf den Tisch. Damit wird Angst und Misstrauen bei den Beschäftigten geschürt. So kann man nach unserer Ansicht keine Fabriken führen.
Stellantis ist kein deutsches Unternehmen. Fehlt es da vielleicht an Kenntnissen der deutschen Mitbestimmung?
Sollte es solche Unkenntnis gegeben haben, müsste die längst überwunden sein, zumal das System der Mitbestimmung transparent, in öffentlich zugänglichen Gesetzen geregelt ist. In anderen Unternehmen, auch bei Wettbewerbern, funktioniert das hervorragend. Natürlich müssen wir die Transformation angehen – unter Einbeziehung der Betriebsräte und Belegschaften! Den Fehler, das nicht zu tun, macht Stellantis immer wieder. Deshalb steht Herr Tavares, wie ich finde zurecht, auch in Politik und Öffentlichkeit im Ruf eines Mannes, auf dessen Wort man nicht viel geben kann.
Stellantis sagt, Ziel der Pläne sei es, Arbeitsplätze zu sichern. Dagegen können Sie doch zunächst mal nichts haben?
Das ist das fadenscheinige Standardargument bei jeder Restrukturierung. Es geht doch darum, mit welchen Mitteln Arbeitsplätze gesichert werden sollen, an welchen Standorten, und wie die Lasten verteilt werden sollen. Wir haben den dringenden Verdacht, dass da zunehmend Standortpolitik gemacht wird auf dem Rücken der Beschäftigten an den deutschen Standorten.
Wie kommen Sie darauf?
Nehmen Sie das Beispiel Eisenach. Es gibt objektiv ein Problem mit fehlenden Halbleitern, davon sind alle Automobilhersteller und deren Zulieferer besonders betroffen. Gerade vor diesem Hintergrund müssen die Lasten fair und gerecht verteilt werden. Es kann nicht sein, dass der Standort, an dem das Unternehmen bei Kurzarbeit die höchsten staatlichen Zahlungen erhält, die gesamte Last trägt und monatelang auf Kurzarbeit null gesetzt wird, während das gleiche Modell, der Grandland, an einem anderen Standort weiter gebaut wird.
Es geht bei den Stellantis-Plänen um die Standorte Rüsselsheim und Eisenach. Das Zulieferwerk in Kaiserslautern ist also außen vor?
Auch in Kaiserslautern müssen die Herausforderungen der Transformation bewältigt werden. Von der Ankündigung, auszugliedern, ist Kaiserslautern insofern nicht betroffen, als dort keine Autos zusammengebaut werden. Für die Zukunft von Kaiserslautern wird aber nicht nur entscheidend sein, wann die Batteriezellenfabrik in Betrieb geht. Es geht auch darum, ob und inwieweit das zu Lasten des Komponentenwerks geht. Wichtig ist zudem, dass auch für die Mitarbeiter in der Batteriezellenfabrik der Flächentarifvertrag gilt.
Wobei derzeit ja die Beschäftigung an den Standorten gesichert ist.
Ja, bis 2025 ist die Beschäftigung an allen Opel-Standorten per Tarifvertrag gesichert. Aber die Frage wird sein, was danach geschieht. Da geht es darum, welche Rolle jeder einzelne Standort, also auch Kaiserslautern, in der Gesamtstrategie von Stellantis künftig spielt. Es gehört ja zur unzureichenden Informationspolitik, dass bisher nicht offengelegt wurde, wie die Neustrukturierung des großen Konzerns insgesamt vorgenommen werden soll und was an welchen Standorten in Europa produziert werden soll. Für Opel ist der Erhalt und die Entwicklung der Identität als einzige deutsche Marke im Konzern von existenzieller Bedeutung, das muss allen klar sein.
Nicht nur in Kaiserslautern sollen Batteriezellen gefertigt werden. Am Montag hat Stellantis verkündet, zusammen mit der koreanischen LG Energy ein solches Werk in den USA zu errichten. Sehen Sie da mögliche Auswirkungen auf Kaiserslautern?
Da im Stellantis-Konzern US-Marken eine wesentliche Rolle spielen und die Elektrifizierung auch dort stattfinden wird, gibt es natürlich auch auf dem amerikanischen Markt einen Bedarf an Batterien. In Kaiserslautern und an anderen europäischen Standorten werden die Batteriezellen für die Produktion in Europa hergestellt. Deshalb glaube ich nicht, dass der Bau der Fabrik in den USA zulasten von Kaiserslautern geht.
Auch die Ministerpräsidenten der drei Bundesländer mit Opel-Standorten haben sich wegen der Stellantis-Pläne besorgt zu Wort gemeldet. Gibt es bei diesem Thema, über die üblichen Kontakte hinaus, derzeit einen besonderen Austausch mit der Politik?
Der Austausch ist je nach Region unterschiedlich intensiv; in Rheinland-Pfalz ist er sehr intensiv. Wenn wir in eine Situation geraten, in der die deutschen Opel-Standorte durch das Agieren von Stellantis stärker unter Druck geraten, brauchen wir einen noch deutlich intensiveren Austausch. Dann nämlich ist die politische Reaktion von enormer Bedeutung für den Erhalt der Standorte. Das wird ein Konflikt, der auf jeden Fall in der Öffentlichkeit stattfinden wird. Schließlich reden wir hier über ein Traditionsunternehmen, und wir reden über das Schicksal und die Zukunftsperspektive von mehreren tausend Beschäftigten. Es muss eine klare Perspektive für die Standorte geben, so wie das bei der Übernahme 2017 zugesagt wurde.