Corona und die Folgen RHEINPFALZ Plus Artikel Handelsverbands-Chef: Die ersten Händler in Rheinland-Pfalz sind schon insolvent

Seit Montag dürfen viele Händler wieder ihre Geschäfte öffnen. Für manche kommt dies jedoch zu spät.
Seit Montag dürfen viele Händler wieder ihre Geschäfte öffnen. Für manche kommt dies jedoch zu spät.

Interview: Mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften haben die Beschränkungen wegen der Coronavirus-Krise auch den Handel stark getroffen. Seit Montag haben Bund und Länder die Maßnahmen etwas gelockert. Ein erster wichtiger Schritt, sagt Thomas Scherer, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Rheinland-Pfalz. Doch damit ist vielen noch längst nicht geholfen.

Herr Scherer, Bund und Länder haben inzwischen die Einschränkungen etwas gelockert. Sind Sie zufrieden damit?
Wir, als Vertreter von rund 12.000 Unternehmen des Handels in Rheinland-Pfalz, sind mit der Lockerung, zum Einstieg in den Ausstieg der Beschränkungen, zufrieden. Im Vergleich zu Nachbarbundesländern wurde bei uns eine praktikable Lösung gefunden, die insbesondere den stark betroffenen Klein- und Mittelbetrieben Rechnung trägt.

Welche Händler sind in Rheinland-Pfalz am stärksten von den Restriktionen betroffen?
Trotz der Lockerungen sind immer noch große Textilhäuser, Elektrofachmärkte und der Möbelhandel von den Schließungen betroffen. Bei diesen ergibt es oftmals aufgrund des Sortimentes keinen Sinn, ihre Verkaufsfläche zu verkleinern. In einem Möbelhaus, zum Beispiel, kann man ja schlecht ein paar Küchen aus dem zweiten Stock abbauen und im Eingangsbereich aufstellen. Zudem wäre die Auswahl dann nicht gegeben, was ja Sinn und Zweck der großen Präsentationsflächen ist.

Würden zusätzliche Ladenöffnungszeiten, wie etwa von der IHK gefordert, dem Handel in dieser schwierigen Situation helfen oder wären diese nur eine zusätzliche Belastung?
Die Forderung der IHK auf eine Erweiterung der Öffnungszeiten auf die Sonntage muss man differenziert betrachten. Zumal auch in einigen anderen Bundesländern gerade während der Corona-Krise eine Sonn- und Feiertagsöffnung möglich ist. Wir hatten zunächst in Rheinland-Pfalz ebenfalls eine solche Ausnahmeregelung. Diese hätten aber nur die systemrelevanten Betriebe – etwa für Lebensmittel oder Drogeriebedarf – nutzen können. Da die Mitarbeiter in diesen Bereichen aber schon genug belastet sind, haben wir in Rheinland-Pfalz davon keinen Gebrauch gemacht. Folgerichtig wurde die Sonderöffnung dann wieder aufgehoben. Deshalb ist es nicht notwendig, diese Regelung wieder einzuführen.

Wir wünschen uns aber, dass die bisherige Regelung gelockert wird und es einfacher wird, Geschäfte an vier Sonntagen öffnen zu dürfen. Dies vor dem Hintergrund, da bisher, und wahrscheinlich für die erste Hälfte des Jahres 2020, Sonntagsöffnungen nicht möglich sein werden. Denn die Veranstaltungen, die erst ein Öffnen an einem Sonntag möglich gemacht haben, werden als „Großveranstaltung“ wahrscheinlich sogar bis Ende August verboten sein. Daher sollte es in Rheinland-Pfalz möglich sein, in der dann noch verbleibenden Zeit des Jahres zumindest an zwei oder drei Sonntagen öffnen zu können, in der Hoffnung, dass sich bis dahin auch die Problematik der Veranstaltungsverbote gebessert hat. Auch eine Öffnung im Dezember sollte in dieser besonderen Situation kein Tabuthema sein.

Nicht nur die Beschränkungen, auch die finanziellen Zusatzhilfen fallen in Deutschland – je nach Bundesland – unterschiedlich aus. Halten Sie die Angebote aus Mainz für ausreichend?
Die bisherigen finanziellen Unterstützungen des Landes sind unserer Auffassung nach unzureichend. Händler aus anderen Bundesländern erhalten unbürokratische Zuwendungen, die sie nicht zurückzahlen müssen, wohingegen in Rheinland-Pfalz nur Kredite gewährt werden. Es gibt zwei Kreditstufen, abhängig von der Anzahl der Mitarbeiter. Zwar gibt es bei der zweiten Stufe für Betriebe bis zu 30 Beschäftigten auch einen Zuschuss von 9000 Euro vom Land. Aber wer von seiner Hausbank keinen Kredit bekommt, erhält auch keinen Zuschuss. Nach bisherigen Informationen erhalten rund 60 Prozent der Händler, die Kredite beantragt haben, keinen Zugang zu diesen Darlehen.

Immer wieder ist zu hören, dass es in Rheinland-Pfalz sehr lange gedauert hat, bis Anträge auf Fördergelder gestellt werden konnten und Gelder nur schleppend bei den Betroffenen ankommen. Wissen Sie von Betrieben, die schon aufgeben mussten?
Die Bearbeitungsdauer ist im Vergleich zu anderen Bundesländern lang. Insbesondere in der jetzigen Situation zählt für die Auszahlung jeder Tag. Denn Mieten, Nebenkosten und auch Lohnkosten müssen gezahlt werden. Vermieter haben auch nicht immer Verständnis für die Situation der Mieter. Ich kenne Fälle, in denen der Vermieter schon wenige Tage nach Ausbleiben der Miete die Kaution in Anspruch genommen hat und sich nicht auf Gespräche einließ, obwohl die Nebenkosten gezahlt wurden. Die ersten Geschäfte sind schon insolvent und stehen wahrscheinlich vor dem Aus.

Es gibt einige Initiativen, die Händlern mit Blick auf Online-Verkauf Unterstützung anbieten. Wie kommt dies bei den Betroffenen an und kann es in der aktuellen Situation eine Hilfe sein?
Unser Kooperationspartner eBay hat beispielsweise angeboten, dass Händler für einige Monate ohne Kommissionsentgelte einen Shop einrichten können. Das haben wir an die Händler weitergegeben. Aber auch bei der Nutzung des einfachsten Weges, eine Bestellung per Mail, Fax oder Telefon anzunehmen, haben wir unsere Händler unterstützt. Diese Hilfe stieß bei den Händlern auf große Resonanz. Teilweise mussten Wartelisten erstellt werden. Diese Möglichkeiten sind zwar nicht die Umsatzbringer, aber dadurch wird den Kunden aufgezeigt, dass man als Händler da ist, und auch im Rahmen seiner Möglichkeiten, seinen Kunden zur Verfügung steht.

Thomas Scherer
Thomas Scherer
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