Wirtschaft Frankfurt: Kita überm Discounter
Angesichts der Wohnungsnot und knapper Flächen in vielen Städten rücken Handelsketten von der klassischen Filiale mit großem Parkplatz ab. Sie setzen auf Kombinationen mit Wohnungen und sogar Kindergärten – nicht ganz uneigennützig.
Bodentiefe Fenster, breite Gänge, begrüntes Dach mit Fotovoltaikanlage, Ladestationen für Elektro-Autos und das alles auf engstem Raum. In Frankfurt-Niederrad will Lidl sein Image polieren und zugleich dem Wohnraummangel begegnen. Die Parkplätze für die Kunden werden unter der Filiale angelegt, eine Rolltreppe führt zu den Verkaufsflächen. Die erste sogenannte Metropolfiliale sei eine Blaupause, „wie wir uns Einzelhandel in dicht besiedelten innerstädtischen Gebieten vorstellen“, sagte Alexander Thurn, Geschäftsleiter Immobilien bei Lidl Deutschland, jüngst zum Spatenstich. Bräuchten übliche Filialen mit vorgelagerten Parkplätzen eine Fläche von mindestens 6000 Quadratmetern, komme dieser Bautyp mit der Hälfte aus. Mit den Plänen ist Lidl nicht allein. Eingeschossige Flachbauten mit üppigen Parkplätzen für den Großeinkauf am Wochenende – dieses Bild dürfte in deutschen Städten seltener werden. Lebensmittelhändler errichten zunehmend Filialen mit angeschlossenen Wohnungen, Arztpraxen und Büros. Gab es bisher schon kleinere Geschäfte im Erdgeschoss von Wohnhäusern, gewinnt die Nachverdichtung nun an Fahrt. „Der Trend zum Neubau gemischter Handelsimmobilien ist noch jung“, sagt Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Handelsforschungsinstitut EHI in Köln. Der Discounter Norma etwa hat im Obergeschoss einer Filiale in Nürnberg eine Kindertagesstätte errichtet, Wasserspielplatz auf dem Flachdach inklusive. Die Handelskette plant auf dem Grundstück auch den Neubau von Reihenhäusern und Geschosswohnungen. Das Projekt sei Vorbild für weitere Filialen, speziell in Bayern. Aldi Süd hat ähnliche Pläne: In Ballungsräumen wie Köln oder München würden Filialen in Kombination mit Wohnungen realisiert, teilte das Unternehmen mit. Lidl räumt für seine Pläne sogar bestehende Standorte: Der Discounter will im Frankfurter Gallus-Viertel eine Filiale abreißen, die samt Parkplatz ein 7700 Quadratmeter großes Grundstück belegt. Zu viel Raum für einen eingeschossigen Bau, zumal die Gegend durch mehr Wohnungsbau „zunehmend attraktiv“ werde. Lidl plant mit der kommunalen Gesellschaft ABG 110 Wohnungen auf dem Gelände, davon 40 direkt über der neuen Filiale und weitere 70 in einem separaten Gebäude. „Mit solchen Plänen kommen Händler den Anforderungen von Städten entgegen, die dringend Wohnraum brauchen“, sagt Atzberger. Mehrgeschossige Handelsimmobilien seien betriebswirtschaftlich effizienter und näher am Kunden. „Wer über einem Lebensmittelmarkt wohnt, kauft dort wahrscheinlich auch ein.“ Teils reagieren die Handelsketten aber auch auf den politischen Druck. Aldi Nord etwa will in Berlin 2000 Wohnungen errichten. Die ersten in Neukölln und Lichtenberg würden in Kürze gebaut, weitere 15 Standorte in der Hauptstadt habe man im Blick. Mit dem Projekt geht Aldi auf Berlins Senat zu, dem die üppigen Discounterflächen wegen der Wohnungsnot ein Dorn im Auge sind. „Handelsketten dürften mit gemischt genutzten Immobilien leichter Baugenehmigungen in Städten erhalten“, erläutert Atzberger. So strebt auch der Möbelriese Ikea zunehmend in die Innenstädte und kann sich nun Büros und Wohnungen auf dem Dach von Geschäften vorstellen (wir berichteten). Der Immobilienboom setzt den Handelsketten zu. In Metropolen seien Planungen für eingeschossige Supermärkte plus Parkplätze wegen der hohen Grundstückpreise „wirtschaftlich nicht realisierbar“, teilt etwa Rewe mit. Der Einzelhändler setzt auf zentrale „City“-Filialen in städtischen Wohnhäusern.