China RHEINPFALZ Plus Artikel Erholung mit Stottereffekt

Die Ausfuhren sind für China besonders wichtig, um die Corona-Krise zu meistern: im Bild der nächtlich beleuchtete Containerterm
Die Ausfuhren sind für China besonders wichtig, um die Corona-Krise zu meistern: im Bild der nächtlich beleuchtete Containerterminal des Hafens von Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong.

Chinas Volkswirtschaft, nach den USA die zweitgrößte der Welt, kommt scheinbar rasch wieder auf die Beine. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass sich die Hoffnungen der Volksrepublik auf ein schnelles Wachstum nicht erfüllen. Der Grund liegt im Ausland.

China war nicht nur das erste Land, sondern zugleich auch die erste große Volkswirtschaft weltweit, die vom Coronavirus getroffen wurde. Das Land hat zudem als erstes die epidemiologischen Einschränkungen gelockert und die Produktion wieder hochgefahren. Der Alltag geht seit Wochen bereits wieder einen weitgehend normalen Gang: Die Schulen im Land sind größtenteils geöffnet, die Restaurants voll, die Büros auf Normalbetrieb und der Berufsverkehr wie gewohnt. Oberflächlich betrachtet scheint dies schon jetzt eine Erfolgsgeschichte: Während praktisch alle OECD-Länder in eine deutliche Rezession stürzen, kann die Volksrepublik noch immer auf ein Wachstum in diesem Kalenderjahr hoffen. Die Versicherungsgesellschaft Swiss Re geht sogar von einem Plus von bis zu 2,7 Prozent aus.

Export schwach

Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass sich die anfänglichen Hoffnungen Chinas auf ein V-förmiges Wachstum nicht erfüllen werden. Die aktuell veröffentlichten Einkaufsmanager-Indizes – sowohl die vom staatlichen Statistikbüro als auch die des privatwirtschaftlichen Analyseinstituts Caixin – belegen zwar deutlich, dass die Industrieproduktion des Landes weiterhin steigt. Jedoch stagniert die Erholung im zweiten Monat in Folge. Das Wachstum läuft schleppend.

Gemessen am Caixin Einkaufsmanger-Index scheint die Durststrecke etwa für den chinesischen Dienstleistungssektor nach drei Monaten Krise bereits vorbei zu sein. Mit einem Rekordwachstum prescht die Branche im Mai nach vorne, das legt zumindest der Index nahe. Der liegt für den Sektor bei 55 und damit so hoch wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Jeder Wert über 50 bedeutet Wachstum, doch international erreicht fast kein Land derzeit die kritische Marke. Zum Vergleich: In Japan steht derselbe Index lediglich bei 26,5, in Indien sogar nur bei 12,6.

Zudem fällt der Subindex für „neue Exportaufträge“ sogar krass negativ aus, was auf das Kernproblem der chinesischen Wirtschaft hindeutet: die schwache Nachfrage aus dem Ausland. Auch wenn das Land gegenüber noch vor zehn Jahren deutlich weniger von Auslandsexporten abhängig ist, kann der Riese aus Fernost ohne eine stabile Weltwirtschaft wohl nur bedingt die Krise meistern.

Neun Millionen neue Arbeitsplätze

Ende Mai hat Chinas Premierminister Li Keqiang erstmals in der Geschichte des Nationalen Volkskongresses kein numerisches Wachstumsziel für das laufende Kalenderjahr ausgegeben. Stattdessen werde die Staatsführung ihre Anstrengungen vor allem auf die Stabilisierung des Arbeitsmarktes legen. „Noch immer gibt es über 600 Millionen Chinesen mit einem monatlichen Einkommen von kaum 1000 Yuan (125 Euro)“, sagte Li bei seiner Rede. Das ehrgeizige Ziel der Kommunistischen Partei ist es, bis Jahresende neun Millionen Jobs zu schaffen – und dadurch auch die gesellschaftliche Stabilität zu wahren. Wie genau dies gelingen soll, ist angesichts der prekären Wirtschaftslage fraglich.

Dabei hat die Kommunistische Partei ein umgerechnet rund 128 Milliarden Euro großes Konjunkturpaket geschnürt. Es kommt vor allem den Staatsfirmen zugute, etwa aus dem Bausektor, die mit Infrastrukturprojekten viele Landarbeiter in Beschäftigungsverhältnissen halten. „Wir haben derzeit viele neue Projekte bekommen und investieren auch mehr als sonst“, sagt etwa die Mitarbeiterin einer Pekinger Baufirma mit der Bitte um Anonymität. Doch die strukturellen Probleme liegen tiefer, und dort greifen die Finanzspritzen nicht an.

Risiko Trump

Zudem ist auch noch völlig unklar, wie hart ein drohender Finanzkrieg mit den Vereinigten Staaten die chinesische Volkswirtschaft treffen könnte. US-Präsident Donald Trump prüft derzeit wegen eines umstrittenen, von Peking geplanten nationalen Sicherheitsgesetzes für Hongkong verschiedenste Sanktionsmöglichkeiten. Im schlimmsten Fall könnte Trump beispielsweise chinesische Banken vom Dollar-System abschneiden oder Unternehmen vom US-Aktienmarkt ausschließen. Allerdings geht Washington mit solchen Drohungen ein hohes Risiko ein, denn China ist mit Japan nach wie vor der größte Gläubiger für die Schulden der Vereinigten Staaten.

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