Türkei RHEINPFALZ Plus Artikel Erdogan laufen die Investoren davon

Menschen tauschen Währungen auf einem Basar in Istanbul. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro mehr als 25
Menschen tauschen Währungen auf einem Basar in Istanbul. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro mehr als 25 Prozent verloren und fast 20 Prozent gegenüber dem Dollar.

Die Türkei ist erneut in eine schwere Währungskrise geschlittert. Anleger und Investoren kehren dem Land den Rücken. Die Wirtschaft schrumpft. Die Folgen der Corona-Pandemie sind eine Ursache dafür. Doch ein Faktor ist noch viel bedeutender für den Niedergang.

Die türkische Landeswährung Lira sackte am Freitag auf ein Rekordtief gegenüber Euro und Dollar ab und beschleunigte damit eine seit Monaten anhaltende Talfahrt. Ursache ist nicht nur die Corona-Pandemie, durch die der Türkei wichtige Einnahmen aus dem Tourismus verloren gehen. Die Politik der türkischen Regierung, die trotz hoher Inflation die Zinsen nicht erhöhen will, sowie die außenpolitischen Spannungen im östlichen Mittelmeer schwächen die Lira ebenfalls. Die Opposition fordert den Rücktritt von Finanzminister Berat Albayrak, einem Schwiegersohn von Erdogan.

Ein Euro kostete am Freitagvormittag zeitweise 8,71 Lira, für einen Dollar mussten 7,36 Lira gezahlt werden. Damit hat die Währung seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro mehr als 25 Prozent und gegenüber dem Dollar fast 20 Prozent an Wert verloren. Erst vor zwei Jahren hatte ein türkischer Streit mit den USA eine Währungskrise ausgelöst. Auch im Frühjahr dieses Jahres ging die Lira in den Sinkflug, doch diesmal ist der Absturz noch tiefer. „Die Wirtschaftskrise ist schlimmer als die Pandemie“, sagte ein Istanbuler Kleinunternehmer.

Exporte brechen ein

Vor Ausbruch der Pandemie im Frühjahr hatte sich die Türkei gerade von einer Rezession erholt. Nun erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF), dass die türkische Wirtschaft in diesem Jahr um 5 Prozent schrumpfen wird. Der Fremdenverkehr, der im vergangenen Jahr noch rund 30 Milliarden Euro Einnahmen brachte, fällt wegen der Corona-Krise in diesem Jahr als Devisenbringer aus. Auch die türkischen Exporte gingen in den ersten sieben Monaten des Jahres im Vergleich zur gleichen Vorjahreszeit um fast 14 Prozent zurück. Das Handelsbilanzdefizit wächst.

Die türkische Zentralbank und staatseigene Banken versuchten in den vergangenen Monaten, den Kursverfall der Lira mit einem milliardenschweren Stützungsprogramm aufzuhalten – vergeblich. Wegen der teuren Aktion schmolzen die Devisenreserven der türkischen Währungshüter dahin. Allein seit Jahresbeginn seien die Reserven um 30 Milliarden Dollar auf 51 Milliarden Dollar (43 Mrd Euro) gesunken, meldete die Nachrichtenagentur Reuters. Schon in den kommenden Monaten könnte der Bank das Geld ausgehen, warnen einige Analysten. „Die plündern die Kasse“, sagte der Oppositionspolitiker Erdogan Toprak in der Zeitung „Sözcü“ über die Regierung.

Einfluss auf die Währungshüter

Politischer Druck auf die Zentralbank verschlimmert die Lage. Trotz einer Inflationsrate von fast 12 Prozent hat sie auf Weisung von Erdogan die Leitzinsen seit 2019 von 24 auf 8,5 Prozent gesenkt. Die daraus resultierenden negativen Realzinsen lasten ebenfalls auf der Lira. Normalerweise würde die Zentralbank jetzt die Zinsen erhöhen, doch Erdogan ist ein erklärter Gegner von Zinserhöhungen: Im vergangenen Jahr feuerte er den damaligen Zentralbankchef, weil der sich gegen Zinssenkungen stemmte. Auch ein Hilfsprogramm vom IWF lehnt Erdogan ab.

Der Analyst Timothy Ash vom Vermögensverwalter BlueBay schrieb auf Twitter, die türkische Regierung wolle eine Zinserhöhung unbedingt vermeiden. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg gab es Anzeichen dafür, dass die Zentralbank vorübergehend auf eine weitere Stützung der Lira verzichtete. Das könnte einen weiteren Kursverfall beschleunigen.

Außenpolitische Turbulenzen

Nach Berechnungen des regierungskritischen Wirtschaftsexperten Mustafa Sönmez haben ausländische Anleger innerhalb eines Jahres rund 13 Milliarden Dollar aus der Türkei abgezogen. Zum schwindenden Vertrauen vieler Investoren kommen außenpolitische Turbulenzen. Nach einer vorübergehenden Beruhigung eskaliert derzeit wieder der Streit zwischen der Türkei und ihren Nachbarn um Gasvorräte im östlichen Mittelmeer. Griechenland und Ägypten, zwei Gegner der Türkei in dem Konflikt, schlossen diese Woche ein Abkommen über die Abgrenzung ihrer Wirtschaftszonen im Mittelmeer, mit dem türkische Ansprüche in der Region zurückgewiesen wurden. Der Streit belastet die Beziehungen der Türkei zur EU, dem wichtigsten Handelspartner Ankaras.

Dennoch sieht die Regierung keinen Grund für einen Kurswechsel. Wie schon bei den Währungskrisen der vergangenen Jahre versuchen Erdogan-Anhänger, die Schuld an dem erneuten Kursverfall der Lira dem Ausland in die Schuhe zu schieben, das den Aufstieg der Türkei zur Regionalmacht verhindern wolle. Der derzeitige „wirtschaftliche Angriff“ und der griechisch-ägyptische Vertrag dienten dem Ziel, die Türkei aus dem Mittelmeerraum zu vertreiben, schrieb Ibrahim Karagül, Chefredakteur der regierungsnahen Zeitung „Yeni Safak“.

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