Wirtschaft Erdogan droht türkischen Unternehmen

Innerhalb der vergangenen Woche hat die türkische Währung fast 25 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar eingebüßt, seit Jahresbeginn sind es mehr als 40 Prozent. Jeden Tag dreht sich die Abwärtsspirale für die türkische Lira schneller. Der türkische Präsident spricht von einem „Wirtschaftskrieg“.
Der Lira-Absturz sei Teil eines Komplotts der USA gegen die Türkei, sagt Erdogan. Mit Verboten, Drohungen und Strafverfolgung geht Ankara gegen Bürger und Unternehmen vor, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen, indem sie Lira in Dollar tauschen, oder die das Vorgehen der Regierung kritisieren. Jeder, der die angeblichen „Angriffe“ durch Äußerungen oder Beiträge in den sozialen Medien unterstütze, riskiere eine Anklage, lässt die Istanbuler Staatsanwaltschaft die Bürger wissen. Bis gestern Nachmittag gerieten 350 Nutzer sozialer Medien ins Fadenkreuz der Ermittler. Die Krise soll totgeschwiegen werden. Erdogan selbst drohte allen Unternehmen, die mit dem Gedanken spielen, sich mit dem Ankauf von Dollar oder Euro gegen den Absturz der Lira abzusichern. Sollte eine Firma diesen Weg gehen, dann gebe es einen „Plan B und einen Plan C“, warnte der Staatspräsident am Wochenende: Konkreter wurde er nicht, doch die Türken verstanden auch so, was er sagen wollte. So deutlich kam die Botschaft bei den Türken an, dass die Regierung in der Nacht zum Montag mehrfach erklären musste, an eine Beschlagnahmung von Fremdwährungskonten werde nicht gedacht. „Ein Netzwerk des Verrats“ sei am Werk, um der Regierung den Plan zur Beschlagnahmung von Kapital vorzuwerfen, beklagt sich Erdogan gestern. Das werde nicht geduldet. Der Präsident will „Wirtschaftsterrorismus“ in Kommentaren in den sozialen Medien ausgemacht haben. Eher nach dem Geschmack der Regierung ist eine Gruppe von Herren in Anzügen, die sich gestern auf dem zentralen Taksim-Platz von Istanbul versammeln. Die Abordnung des Unternehmerverbandes Tümkiad marschiert zu einer Bankfiliale am Taksim und tauscht 3 Millionen Dollar in Lira um – ganz im Sinne von Erdogans Appell an die Türken, sie sollten westliche Währungen verkaufen und auf die Lira setzen, um die Landeswährung zu stützen. „Wir brauchen keine Dollar, wir brauchen unser Vaterland“, steht auf Schildern, die von Tümkiad-Mitgliedern hochgehalten werden. Die Türkei sei im Krieg, sagt Verbandschef Nihat Tanrikulu. Längst nicht alle Türken wollen dem patriotischen Beispiel folgen. Die Mitarbeiterin einer Wechselstube in der Nähe des Taksim-Platzes erzählt von Türken, die den umgekehrten Weg gehen und Lira in Dollar verwandeln, um ihre Ersparnisse vor der Geldentwertung in Sicherheit zu bringen. Selbst in der schweren Wirtschaftskrise von 2001 sei es nicht so schlimm gewesen wie heute. „Die Leute haben Angst“, sagt die Frau. Wie lange Krise noch dauern wird, weiß niemand. Die Schwäche der Lira ist allerdings nicht die Folge einer finsteren Verschwörung des Auslands, sondern zu großen Teilen hausgemacht. Seit Jahresbeginn hat Erdogan internationale Anleger mehrmals mit der Ankündigung erschreckt, er werde sich stärker als zuvor in die Zinspolitik der nominell unabhängigen Zentralbank einmischen. Dass der Präsident dann seinen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanzminister machte, verunsicherte die Investoren noch weiter. Der Streit mit den USA um einen in der Türkei inhaftieren amerikanischen Pastor und die dadurch ausgelösten US-Sanktionen gegen Ankara versetzten der Lira einen weiteren Schlag. Angesichts einer Verschuldung von 470 Milliarden Dollar und eines Außenhandelsdefizits von fast 60 Milliarden Dollar könne man wohl kaum von einem Komplott des Auslands sprechen, schimpft der Oppositionspolitiker Hursit Günes auf Twitter. „Lasst doch diese Lügen sein“, fügt er an die Adresse der Regierung gerichtet hinzu. Doch von einem Umlenken ist in Ankara nichts zu sehen. „Unsere Wirtschaft ist unter Belagerung“ ausländischer Kräfte, sagte Erdogan gestern bei einer Rede in Ankara. „Wir sind auf den Krieg vorbereitet.“