Unternehmen RHEINPFALZ Plus Artikel Energieberater haben Hochkonjunktur

In welche Richtung entwickeln sich die Energiepreise? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Unternehmen.
In welche Richtung entwickeln sich die Energiepreise? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Unternehmen.

Wer jetzt als industrieller Großkunde einen neuen Strom- oder Gasvertrag braucht, zahlt viermal beziehungsweise dreimal so viel wie vor einem Jahr. Betroffene Firmen suchen händeringend Rat bei Experten.

Wolfgang Hahn braucht dringend mehr Personal. Denn die Dienste seiner Beratungsfirma Energie Consulting GmbH (ECG) im baden-württembergischen Kehl sind gefragt wie nie. „Bei uns meldet sich derzeit jeden Tag knapp eine Handvoll Unternehmen, mit denen wir bislang keinen Kontakt hatten“, erzählt der ECG-Chef. Auch einige der 2500 Bestandskunden, die die vor 35 Jahren gegründete Firma zum größten unabhängigen Energieberater Europas machen, haben wegen stark erhöhter Strom- und Gaspreise Gesprächsbedarf.

Was sollen wir jetzt machen? Das ist die Frage, die ECG-Berater gerade permanent hören. „Viele Firmen, die um Rat suchen, haben noch keine Energieverträge für die Zeit bis Jahresende oder gar für 2023 und 2024 abgeschlossen“, erklärt Hahn.

Das deckt sich mit einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Demnach hat nicht einmal jede zweite deutsche Firma ihre Strom- und Gasversorgung zumindest bis Ende 2022 unter Dach und Fach. Wer das jetzt nachholen muss, steht vor einem Dilemma. Soll man hoffen, dass bald Frieden herrscht in der Ukraine und Energiepreise wieder sinken, oder besteht die Gefahr, dass der Gashahn zwischen Russland und der EU von einer Seite zugedreht wird, was die Preise weiter steigen ließe?

Fatale Fehlkalkulation

Experte Hahn schätzt: „Wird der Gashahn von einer Seite zugedreht, halte ich eine nochmalige Verdoppelung der Preise für realistisch.“ Die steigen schon länger. Anfang 2021 kostete eine Megawattstunde (MWh) Gas in Deutschland noch unter 20 Euro. Dann wurde es immer teuerer, bis im Dezember 2021 Spitzen von bis zu 140 Euro je MWh erreicht waren. Anfang 2022 ging es erst mal nach unten – bis zum 24. Februar mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine. „In den vergangenen Tagen hatten wir bei Gas wieder leichte Preisrückgänge auf 65 Euro je MWh“, erzählt Hahn.

Bei Industriestrom ist die Entwicklung ähnlich. Aus rund 50 Euro je MWh Anfang 2021 sind im Dezember Spitzenwerte von 400 Euro und aktuell gut 200 Euro geworden. „Im Jahresverlauf 2021 haben viele Firmen auf bald wieder sinkende Energiepreise gesetzt, was ein Fehler war“, beschreibt Hahn die Fehlkalkulation.

„Es ist noch keine Panik, aber viele Unternehmen sind tief besorgt“, beschreibt der Experte die Stimmung in der deutschen Unternehmenslandschaft. Wenn andererseits in der Ukraine die Waffen schweigen würden, könnten die Energiepreise rasch wieder sinken – aber wohl nicht auf ein Niveau wie Anfang 2021.

Möglichkeiten zum Energiesparen

Sollen deutsche Firmen jetzt erneut pokern und auf Frieden hoffen oder mit dem Schlimmsten rechnen? „Wir raten seit jeher, die Energiebeschaffung auf mehrere Tranchen zu verteilen, um so das Preisrisiko zu streuen“, sagt Hahn. Er meint damit, nicht den ganzen Jahresbedarf zu einem einzigen Stichtag zu kaufen. Das gelte auch in der jetzigen Lage. Zudem gebe es oft gute Möglichkeiten zum Energiesparen.

Er führt Industriefirmen mit Druckluftverbrauch an, die ihre Kompressoren über das Wochenende laufen lassen, wenn der Betrieb ruht. Hahn weiß auch von vielen Firmen, die bislang unverwirklichte Pläne für Solaranlagen auf dem Gelände oder Wärmedämmung in ihren Schubladen haben. „Herausholen und verwirklichen“, sagt der Energieberater.

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