Wirtschaft Elektromobilität als Jobkiller?
«Frankfurt.» Der Umstieg vom Verbrennungsmotor auf den Elektroantrieb stellt die Automobilindustrie nach Ansicht des IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann vor enorme Herausforderungen. Der Gewerkschaftschef warnt vor dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze.
Das Europaparlament und die EU-Mitgliedstaaten hatten sich im vergangenen Dezember darauf geeinigt, dass der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) bei Pkw bis 2030 um 37,5 Prozent sinken soll. Um dieses Ziel zu erreichen, sei im Pkw-Sektor eine „hohe Elektrifizierung“ notwendig, betonte gestern IG-Metall-Chef Hofmann. Er gehe davon aus, dass bis 2030 rund die Hälfte aller neu zugelassenen Pkw in Deutschland elektrisch angetrieben werden müssen – derzeit liege deren Marktanteil bei 2 Prozent. Der Umstieg auf den Elektroantrieb bedeute wiederum eine verringerte Produktion von Verbrennungsmotoren. Dies werde zum Verlust von 150.000 Arbeitsplätzen allein in der Automobilindustrie führen. Derzeit bietet die Branche rund 800.000 Menschen Arbeit. Diesem Abbau stehen laut Hofmann höchstens 40.000 neue Arbeitsplätze gegenüber. Bei diesen Berechnungen seien „Strukturbrüche“ und die Auswirkungen auf andere Bereiche wie die Stahlbranche oder den Maschinenbau noch nicht berücksichtigt, erläuterte Hofmann. Um gegenzusteuern, müsse gezielt investiert werden, in Batterietechnik und eine flächendeckende Ladeinfrastruktur ebenso wie in neue Mobilitätskonzepte. Laut Hofmann gehört das Saarland zu den Regionen, die die Folgen einer veränderten Antriebstechnik besonders stark zu spüren bekommen. In der saarländischen Automobilindustrie herrsche eine „hohe Konzentration auf den Verbrennungsmotor“. Dort seien 20.000 Beschäftigte vom Umstieg auf den elektrischen Antrieb „unmittelbar betroffen“. Heftige Kritik äußerte Hofmann an den vor einigen Tagen bekannt gewordenen Plänen einer Regierungskommission zum Klimaschutz im Verkehrsbereich. Die von einer Arbeitsgruppe der „Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität“ vorgelegten Vorschläge seien „nicht akzeptabel“; sie ähnelten einer Art „Veggie-Day für Autofahrer“. Wer die Mobilität für Pendler verteuere, ohne den öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern, der zündele am gesellschaftlichen Frieden und erweise dem Klimaschutz einen „Bärendienst“, kritisierte Hofmann. „In jedem Auto ist eine gelbe Warnweste, nicht nur in Frankreich“, warnte er unter Bezug auf die „Gelbwesten“ in Frankreich, die seit Monaten die Pariser Regierung mit Protesten und Blockaden unter Druck setzen. Statt massiv in die Mobilität einzugreifen, müsse das Angebot im öffentlichen Personennahverkehr deutlich verbessert werden. Zudem müsse der Gütertransport verstärkt von der Straße auf die Schiene verlagert werden. Die von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) initiierte Kommission hatte neben einer höheren Besteuerung von Benzin und Diesel auch ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde vorgeschlagen. Solche Geschwindigkeitsbeschränkungen gibt es bereits in zahlreichen anderen Ländern. Jörg Hofmann sagte, Tempo 130 könne und müsse „gesellschaftlich debattiert“ werden. Eine rundum positive Bilanz zog der IG-Metall-Vorsitzende mit Blick auf die in der vergangenen Tarifrunde geschaffene Möglichkeit, einen Teil der vereinbarten Lohnerhöhung in zusätzliche Freizeit in Form acht freier Tage umzuwandeln. 260.000 Beschäftigte hätten bei ihrem Betrieb einen entsprechenden Antrag gestellt, was Hofmann als „klares Bekenntnis zur Zeitsouveränität“ wertete. Laut IG Metall wurden 93 Prozent der Anträge bewilligt. Der Tarifvertrag sieht die Wahloption für Schichtarbeiter vor sowie für Beschäftigte, die Kinder betreuen oder Angehörige pflegen.