Energiekrise
Dichtung und Wahrheit zu Nordstream 1
Die ganze Wahrheit kennen nicht viele. Der Energietechnikkonzern Siemens Energy schon. „In der Verdichterstation Portovaya stehen genügend Turbinen für einen Betrieb von Nordstream 1 zur Verfügung“, stellt ein Konzernsprecher klar. Recht viel mehr mag er zum Zank um die Gaspipeline nicht sagen, durch die erst immer weniger und seit Anfang September gar kein Gas mehr nach Deutschland fließt. Sie beginnt in Portovaya bei Sankt Petersburg und endet 1224 Kilometer weiter westlich bei Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Für den Stopp gebe es technische Gründe, behauptet der russische Staatskonzern Gazprom. Erst war es ein angebliches Ölleck, dann ein Konstruktionsfehler bei einer gelieferten Turbine. Von deutscher Seite gelieferte Fakten sprechen eine andere Sprache.
Siemens Energy selbst mag nicht ins Detail gehen. Der Dax-Konzern will Russland und dessen Staatschef Wladimir Putin nicht reizen. Zwar ist das Russland-Geschäft unwiederbringlich beendet und bedarf keiner Rücksicht mehr. Zurückhaltung ist dennoch ein Gebot. Wer zum Beispiel zum Feindbild russischer Hacker wird, hat nichts zu lachen.
Unterschriften verweigert
Es gibt aber auch andere Experten, die sich mit Nordstream 1 auskennen und das aus zwei Leitungsröhren bestehende System erklären können. Zu jeder der beiden Röhren gehören demnach je drei größere Turbinen und eine kleinere. Geliefert wurden sie 2009 ursprünglich vom britischen Turbinenbauer Rolls Royce, den 2014 Siemens übernommen hat. Sechs Jahre später wurde Siemens Energy vom Mutterkonzern abgespalten und hat das heute hochpolitische Geschäft auf diese Weise geerbt. Um vertragsgemäß 100 Prozent Gas durch die beiden Röhren zu schicken, seien fünf der sechs großen Turbinen nötig, erklärt ein Insider. Eine Röhre mit drei Großturbinen sei vollständig einsatzfähig. Für die zweite Röhre stünden mindestens zwei Großturbinen vor Ort in Portovaya zur Verfügung, wovon eine neu gewartet sei. Schon damit könnten also 100 Prozent der vertraglich zugesicherten Gasmenge fließen.
Die dritte, ebenfalls frisch gewartete und in die Schlagzeilen geratene Großturbine der zweiten Röhre sitzt seit Wochen in Mülheim fest. Sie wurde von politischer Prominenz bis hinauf zu Bundeskanzler Olaf Scholz in Augenschein genommen und steht weiterhin zum Transport nach Russland bereit. Auch um sie gibt es viel russische Dichtung aber nur eine Wahrheit.
Gewartet werden können alle Turbinen nur am kanadischen Siemens-Energy-Standort Montreal, wo sie seinerzeit gebaut wurden. Für ihren Transport ist vertragsgemäß der russische Kunde zuständig. Im Fall der Turbine in Mülheim hat Siemens Energy den aber auf Bitten von Gazprom auf eigene Kosten übernommen und sich auch zum Weitertransport nach Russland bereit erklärt. Dazu bedarf es aber einer Unterschrift von Gazprom zu entsprechenden Veränderungen der Wartungsverträge und Importdokumenten für den russischen Zoll.
Diese Unterschrift verweigert der russische Staatskonzern ohne Angabe von Gründen. Die Importdokumente werden auch nicht geliefert. Dagegen liegen alle Exportdokumente für die Ausfuhr aus Deutschland, für die Siemens Energy verantwortlich ist, bereits vor.
Gazprom sperrt sich
„Wenn der Betreiber die Turbine wirklich haben möchte, dann bekommt er sie auch“, betont ein Sprecher von Siemens Energy. Für einen 100-prozentigen Gasfluss wäre die Mülheimer Turbine aber gar nicht nötig. Die russische Scharade geht indessen noch weiter. Denn in Portovaya lagert eine Ersatzturbine, die jederzeit in Kanada gewartet werden könnte, würde Gazprom sie dorthin bringen. Eine Ausnahmegenehmigung der kanadischen Regierung auch dafür inklusive Rücktransport nach Russland liegt vor. Auch diese Turbine wurde von Russland-Sanktionen des Westens ausgenommen. Wer sich sperrt, ist Gazprom.
Einziger wenn auch nur theoretischer Kontakt zwischen Siemens Energy und dem Staatskonzern sind derzeit zwei Siemens-Techniker vor Ort in Portovaya, die aber weder Zugang zum Pipelinegelände noch Fernwartungszugriff auf die Technik haben.
Telefonanrufe oder E-Mails beantwortet Gazprom schon länger nicht mehr und hat alle eigenen Ingenieure sowie den Leiter der Verdichterstation abgezogen.
Technische Gründe für das ausbleibende Gas gibt es damit nicht. Inzwischen wird vielmehr davon ausgegangen, dass hinter dem russischen Verhalten ein Erpressungsversuch steckt: Mit dem Lieferstopp soll erreicht werden, dass westliche Sanktionen aufgehoben werden oder Nordstream 2 in Betrieb geht.