Vermögen
„Deutsche Sparer sind viel besser als ihr Ruf“
Die Zunahme der Geldvermögen deutscher Haushalte 2019 um netto gut 8 Prozent auf im Schnitt 57.100 Euro je Kopf ist wenig überraschend. Diese Zahl nennt der Versicherer Allianz in seinem jährliche Weltvermögensreport. Vergangenes Jahr ist die Wirtschaft hierzulande noch gut gelaufen. Verwunderlich ist, dass Allianz-Vermögensexperte Arne Holzhausen für das Corona-Jahr 2020 einen weiteren Anstieg um 3 Prozent voraussagt, falls die Pandemielage sich nicht drastisch verschärft. 2009 zur Finanzkrise sind heimische Geldvermögen noch um 4,5 Prozent gesunken. „Die Politik hat jetzt viel schneller reagiert als damals“, erklärt Holzhausen mit Blick auf die vielen ausgeschütteten Hilfsgelder. „Im Moment hat die Geldpolitik die Vermögen gegen Corona quasi immunisiert“, sagt Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran.
Im ersten Halbjahr 2020 habe das bereits zu einer Erhöhung des Geldvermögens deutscher Haushalte um 1,3 Prozent geführt. Verwegen scheint die Prognose für das Gesamtjahr damit nicht. „Den Tag zu retten ist aber nicht dasselbe wie die Zukunft zu gewinnen“, warnt Subran und spricht von aktuellen Mitnahmegewinnen. Denn Null- oder sogar Negativzinsen gebe es am Kapitalmarkt weiter, was die Vermögensbildung untergrabe.
„Umdenken und Umsparen“
Allerdings haben Deutsche ihre Vermögen schon 2019 anders und erfolgreicher angelegt als in früheren Jahren und zwar in Aktien. Das hat sich auch beim Einbruch der Aktienmärkte diesen Februar und März nach Beobachtungen der Allianz nicht geändert. „Es gibt ein Umdenken und Umsparen“, beschreibt Holzhausen die Entwicklung. Etwa ein Fünftel ihrer frischen Ersparnisse haben Deutsche in den vergangenen drei Jahren in Wertpapieren angelegt und dabei vor allem ausländische Aktien gekauft. Mit einem Wertzuwachs von fast zwei Dritteln in diesem Bereich haben sie dabei die Entwicklung des Weltaktienindexes MSCI geschlagen, der nur um 42 Prozent zugelegt hat.
„Die deutschen Sparer sind viel besser als ihr Ruf“, findet Michaela Grimm als Mitverfasserin des Allianz-Reports. „Der Spruch vom dummen deutschen Geld trifft auf Privatsparer nicht zu“, unterstreicht Holzhausen. Insgesamt verharrt Deutschland aber damit in der Vermögensranglist auf Platz 18 von 60 untersuchten Ländern. Die USA und Schweiz führen diese Tabelle an.
30 Prozent haben kein Geldvermögen
Weltweit entwickeln sich die Geldvermögen indessen ähnlich wie in Deutschland, hat die Allianz analysiert. Brutto, also vor Abzug von Schulden, sind sie global 2019 trotz Handelskonflikten um fast ein Zehntel gestiegen, wofür vor allem Zentralbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik verantwortlich waren. Das hat den Aktienmärkten voriges Jahr ein Plus von einem Viertel beschert. Damit ist aber auch klar, dass von den Vermögenszuwächsen nur profitiert hat, wer überhaupt Vermögen besitzt, das er Anlegen kann. „30 Prozent der Weltbevölkerung haben gar kein Geldvermögen“, stellt Holzhausen klar. An diesen Habenichtsen ist die Entwicklung vorbeigegangen.
Damit hat sich auch ein seit 2016 zu beobachtender Trend verstetigt. Während die Vermögen in Schwellenländern in den Jahren zuvor teils deutlich aufgeholt haben gegenüber denen in Industrienationen und sich die Vermögenskluft da noch verringert hat, geht die Schere seit 2016 wieder auseinander. Das dürfte sich im Coronajahr 2020 verstärkt fortsetzen, schätzen die Allianz-Experten. Dafür verantwortlich machen sie Rückschläge in der Globalisierung oder auch in den USA vermögensstimulierende Steuersenkungen. Das eine schadet vor allem Schwellenländern, das andere hilft den Vermögenden in einer reichen Nation wie den USA.
Dabei waren die Unterschiede auch 2016 noch immens. Bewohner reicher Länder hatten damals im Schnitt 19-mal mehr Vermögen als die armer Länder. Bis 2019 ist diese Relation wieder auf das 22-fache gestiegen. Während 2018 der globalen Vermögensmittelklasse noch eine Milliarde Menschen zugeordnet wurden, sind es 2019 nur noch 800 Millionen Menschen gewesen. Vor allem die Superreichen entfernen sich dabei immer weiter vom großen Rest der Menschheit. Im Jahr 2000 hatte das reichste Prozent der Weltbevölkerung rund 41 Prozent des gesamten Vermögens angehäuft. Bis 2019 ist dieser Anteil auf knapp 44 Prozent geklettert.