Wirtschaft Der Rubel rollt nicht so recht

In Russland rollt der Fußball – auch ohne die deutsche Nationalmannschaft. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen der WM für das Land sind sehr begrenzt.
An den Austragungsstätten veranstalten die Fans Dauerpartys, zahlreiche Moskauer Bars gaben schon bekannt, ihnen seien die Biervorräte ausgegangen. Die Ausländer, erzählt eine Moskauer Apothekerin, kauften vor allem Präservative. Kopfschmerzmittel seien dagegen kaum gefragt, die Jungs seien wohl hart im Nehmen. Auf der Nikolalskaja Straße nahe des Roten Platzes arbeiten Cafés und Schnellimbisse rund um die Uhr. Der Fußball rollt, der Rubel auch. Die Moskauer Kneipenkette Kolbassoff meldete, sie setze seit Beginn des Turniers täglich 20 Prozent mehr um. Zehn Restaurants in Jekaterinburg, die an einer Umfrage der russischen Sparkasse teilnahmen, steigerten ihren Umsätze gar um 234 Prozent. Aber noch ist ungewiss, wie viel Geld die Fans bei dieser WM in Russland ausgeben werden. Und ob die russische Wirtschaft von ihr profitieren kann. Russland hat geschätzt 13,2 Milliarden Dollar (11,4 Mrd Euro) in seine WM gesteckt, das teuerste Fußballturnier bisher. Die Fifa will knapp 3 Millionen Eintrittskarten verkaufen. Ausländische Fans haben 64 Prozent der bisher verkauften Tickets erstanden. Aber die Einnahmen aus dem Verkauf kassiert die Fifa selbst, ebenso die Gebühren für Fernsehrechte. Bei der WM 2014 in Brasilien machte sie einen Reingewinn von 2,6 Milliarden Dollar. Die russischen Direkt-Einnahmen beschränken sich demnach hauptsächlich auf die WM-Touristen. Eine Expertengruppe der russischen Regierung hat in Kooperation mit McKinsey-Beratern prognostiziert, dass 570.000 Ausländer zur Fußball-WM nach Russland kommen. Die Bewertungsfirma Swiss Appraisal hofft gar auf 1,5 Millionen. Wenn jeder von ihnen 2000 Dollar ausgibt, lassen sie 1,1 bis 3 Milliarden Dollar im Land. Der Expertenbericht der Regierungskommission geht von gut 1,9 Milliarden Dollar aus. Dazu addiert sie noch staatliche Investitionen in Infrastruktur und Stadien und kommt insgesamt auf 13,8 Milliarden Dollar, die zwischen 2013 und 2018 in die vaterländische Wirtschaft geflossen sind oder noch fließen. Das entspricht etwa 1 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Aber: 86 Prozent dieser Summe hat der Fiskus selbst aufgebracht. Kritiker verweisen zudem darauf, dass keine Fußball-WM nötig gewesen wäre, um neue Straßen, Flugplätze und Eisenbahnlinien zu bauen. Die WM-Stadien in Kaliningrad, Saransk, Sotschi und Wolgograd drohen zudem, den Regionalkassen künftig schwer auf der Tasche zu liegen: Dort spielen keine Erstliga-Klubs, die die Arenen füllen könnten. Laut der Regierungsexpertise darf Russland in den kommenden fünf Jahren mit 3,3 Milliarden Dollar Mehreinnahmen durch Touristen rechnen. Richtig ist, dass Hunderttausende ausländische Fans jetzt begeistert in russischen WM-Städten feiern. Fraglich ist, ob sie nach der WM noch einmal wiederkommen, denn ein Großteil von ihnen lebt in Südamerika. Und die näher an Russland wohnenden EU-Bürger durften nur zur WM visafrei einreisen. Auch die 220.000 Arbeitsplätze, die durch die WM neu geschaffen wurden, haben wenig Bestand. Ein Großteil der Arbeiter auf den WM-Baustellen ist schon wieder entlassen worden. Das Zusatzpersonal in Hotels und Gaststätten erwartet ein ähnliches Schicksal. Was bleibt, sind die Hoffnung auf einen Image-Gewinn durch schöne Fernsehbilder und bessere Straßen in den WM-Städten.