Interview
Der Handschlag: Höflicher Gruß oder verstaubtes Ritual?
Frau Görg, woher kommt eigentlich der Brauch des Händeschüttelns?
Das ist nicht genau geklärt. Auf jeden Fall ist es ein sehr alter Brauch. Bereits auf antiken Münzen und Steinreliefs ist die Geste des Händegebens abgebildet. Hier in der Region hat sich der Brauch im Mittelalter verfestigt. Und zwar als Friedensgruß. Männer haben dafür ihre Schwerthand, also die rechte, freigegeben und damit symbolisiert: „Ich habe keine Waffe in der Hand.“ Im 18. Jahrhundert hat es sich dann zu einem Begrüßungsritual entwickelt, das Gleichwertigkeit symbolisierte. Kein Adel, vor dem man sich mit einer Verbeugung kleiner machen musste.
Ein Händedruck verrät angeblich viel über einen Menschen. Gibt es Alternativen für diesen Akt des Kennenlernens oder ist der Handschlag unersetzlich?
Durch so einen Handschlag bekommt man viele Informationen in schneller Zeit. Die Berührung – ist die Hand trocken, warm, der Handschlag fest – oder auch die Aufnahme von Duft zeigen mir sofort, ob ich die Person sympathisch finde oder nicht. Deshalb ist auch schweres Parfüm bei der ersten Begegnung schwierig. Auch wenn wir uns genetisch zu ähnlich sind, mögen wir den natürlichen Geruch des anderen nicht.Ich sage mal: Ein Handschlag ist mehr als nur der Händedruck. Mit dieser Begrüßung dringt man in den intimen Bereich eines Menschen ein. Und es zeigt Vertrauen, wenn ich das zulasse. Je sicherer ich mich fühle, desto einfacher lasse ich so eine Nähe auch zu. In Corona-Zeiten ist das eben nicht der Fall. Und trotz vieler Alternativen: Der Handschlag lässt sich nicht ersetzen.
Aktuell sind viele Menschen bereits geimpft und ein Handschlag wäre daher wieder möglich. Ist es deshalb unhöflich, im beruflichen Umfeld dennoch nicht die Hand zu geben?
Allgemein gilt: Nimmt man eine angebotene Hand nicht an, ist das unhöflich. Es gibt fast nichts, das unhöflicher wäre. Allerdings befinden wir uns durch die Pandemie in einer Ausnahmesituation. Es ist also nicht unbedingt unhöflich, sondern erfüllt einen dreifachen Schutz – den eigenen, den des Gegenübers und den der Allgemeinheit.
Trotzdem wird momentan unter bestimmten Umständen, beispielsweise der 2G-Regelung, ein Handschlag als nicht mehr ganz so bedrohlich angesehen und ist deshalb auch wieder durchführbar. Es ist also eine persönliche Entscheidung, ob ich jemandem die Hand reichen will oder nicht. Ich persönlich bin gern in der abwartenden Rolle, was mein Gegenüber mir signalisiert.
Ansonsten ist wichtig, die Situation zu beobachten und Initiative zu ergreifen, um das Thema offen anzusprechen. Besonders, wenn ich selbst nicht möchte, dass es zum Handschlag kommt. Das kann durchaus respektvoll und höflich passieren. Schließlich gilt: Höflichkeit ist, wenn ich darauf bedacht bin, wie mein Gegenüber sich damit fühlt und nicht, wie ich mich damit fühle.
Welche Alternativen kommen laut Knigge infrage, beispielsweise bei einem Bewerbungsgespräch oder wenn sich Geschäftspartner treffen?
Bei einem Bewerbungsgespräch würde ich abwarten, was der Arbeitgeber macht. Denn es gilt: Der Ranghöhere, in diesem Fall der Chef, muss die Initiative ergreifen und entscheidet letztendlich über die Form der Begrüßung. Ich empfehle gern Begrüßungsfomulierungen wie „Wegen Corona begrüße ich Sie ohne Körperkontakt, aber von Herzen“. Dabei kann man sich unterstützend ans Herz fassen. Das schafft Vertrauen und macht die Begrüßung persönlicher. Dieses „Touch hearts not hands“ (berühre Herzen nicht Hände) kommt aus dem Medizinerbereich und hat sich dort durchgesetzt.
Welche Formen finden Sie persönlich am besten, um im beruflichen Umfeld unangenehme Situation zu vermeiden, und welche eignen sich nicht?
Wie gesagt, höfliche Begrüßungsformulierungen, gefolgt von einer herzlichen Geste, sind im Berufsumfeld am besten geeignet. Eine Möglichkeit ist die in Asien gängige kleine Verbeugung, allerdings ist das in unserem Kulturkreis nicht üblich und könnte zur Verunsicherung des Gegenübers führen. Natürlich ist es auch möglich, die Hand zu heben und zu winken. Das finde ich persönlich aber auch schwierig, weil man sich ja gegenüber steht. Für nicht angemessen halte ich die Begrüßung per Faustschlag oder Berühren der Ellenbogen. Das hat nichts im Geschäftlichen verloren.
Ist das Händeschütteln aus der Mode gekommen und wird, vielleicht auch wegen Corona, ganz verschwinden?
Allein die Unsicherheit beim Thema macht deutlich, dass wir dringend eine klar definierte Begrüßung brauchen. Und gerade weil das so ist, wird der Handschlag meiner Meinung nach nie verschwinden. Zumindest in Europa. Schließlich ist das hier unser Ritual. Das wandelt sich nicht einfach ab. Ich denke aber, dass bei uns pandemiebedingt das Küsschen zur Begrüßung, wie es beispielsweise in Frankreich gemacht wird, zurückgehen wird.Und zum Thema aus der Mode gekommen: Ich gebe Seminare an Schulen, in denen es um Begrüßungen im beruflichen Alltag geht. Hier merke ich, wie selbst junge Leute viele Fragen zum Thema Händeschütteln und Knigge haben. Von daher denke ich, dass der gute alte Handschlag noch immer im Trend liegt.