Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Curevac-Erfolg lockt weitere Kandidaten an New Yorker Börse

Die US-Technologiebörse Nasdaq hat ihren Sitz in New York
Die US-Technologiebörse Nasdaq hat ihren Sitz in New York

Der viel beachtete Börsengang des Tübinger Impfstoffspezialisten Curevac wird nach Einschätzung von Experten auch weitere Unternehmen an die US-Technologiebörse Nasdaq locken. Innerhalb weniger Tage hat sich der Börsenwert der Tübinger auf über 10 Milliarden Dollar (8,46 Mrd Euro) vervielfacht und liegt nun doppelt so hoch wie etwa die Bewertung der Lufthansa.

Dabei hat Curevac bisher mit einigen Hundert Mitarbeitern gerade einige Millionen Jahresumsatz erzielt, die Lufthansa beschäftigt dagegen über 100.000 Menschen weltweit und setzte vor der Corona-Krise über 36 Milliarden Euro um.

Doch während die Lufthansa durch die Pandemie nur durch Staatshilfen gerettet werden kann, können Curevac und andere Impfstoffhersteller derzeit offenbar grenzenlos Geld einsammeln. Der Börsengang an der Nasdaq hat zwar für die Tübinger nur etwas über 200 Millionen Euro an frischem Geld in die Kassen gespült, dafür aber zwei wichtige Türen geöffnet. „Wichtig ist, dass man nach dem IPO (Börsengang) weiterhin möglichst guten Zugang zu neuem Kapital hat, da die meisten Biotech-Unternehmen für die Entwicklung ständig frisches Kapital brauchen“, sagt Martin Steinbach, Partner der Unternehmensberatung EY. Der zweite Vorteil der Wahl für die US-Börse ist die damit verbundene bessere Sichtbarkeit auf dem US-Markt, dem nach wie vor größten Markt für Biotechnologie.

Der Trend an die Nasdaq hält schon seit Jahren an. Daran haben auch die erst vor wenigen Monaten weniger erfolgreichen Börsengänge von Uber, Lyft und vor allem Wework nichts geändert. Für deutsche Unternehmen ist es nach wie vor am attraktivsten, über den Atlantik zu blicken. Erst im Juli war mit Immatics ein weiteres deutsches Life-Science-Unternehmen an die Nasdaq gegangen, übrigens wie Curevac eine Beteiligung des einstigen SAP-Gründers Dietmar-Hopp. Im vergangenen Jahr standen rund 130 Börsengängen an der Nasdaq etwa eine Handvoll in Frankfurt gegenüber. Selbst Schweden und Italien waren mit jeweils 30 Emissionen an ihren Heimatbörsen deutlich erfolgreicher.

Für Christine Bortenlänger, Geschäftsführerin des deutschen Aktieninstituts (DAI), war aber spätestens der Börsengang von Curevac ein Weckruf. „Die erneute Wahl der Nasdaq durch ein junges deutsches Unternehmen legt die mangelnde Attraktivität von Börsengängen in Deutschland schonungslos offen“, moniert sie. Und auch Curevac-Mehrheitseigner Dietmar Hopp wird in einer DAI-Pressemitteilung mit dem Satz zitiert: „Wir brauchen eine Modernisierung des Aktien- und Gesellschaftsrechts in Deutschland sowie bessere steuerliche Rahmenbedingungen.“ Curevac benötige für die nächsten Schritte weiteres Kapital. „Das bekommen wir über den Börsengang. Doch in Deutschland ist das nicht zu schaffen.“

Für EY-Experte Steinbach liegt das Problem aber weniger in der mangelnden Attraktivität der europäischen Börsen. „Die wichtigste Frage, die sich dem Börsenaspiranten stellt: Werden meine Produkte auch verstanden?“. Hier spiele die Anzahl der Analysten, aber auch der Investoren eine entscheidende Rolle, die sich mit dem Thema Biotechnologie beschäftigen, sagt der EY-Experte. Deutsche und europäische Kreditinstitute hätten dagegen in diesem Bereich in den vergangenen Jahren eher Kapazitäten abgebaut, die Spezialisten sitzen überwiegend in Boston oder New York. Aber: „Je besser das Unternehmen und das Produkt verstanden werden, desto größer ist die Chance auf eine faire Unternehmensbewertung.“ Daher habe die Nasdaq eine deutlich größere Bedeutung für deutsche Biotech-Unternehmen.

Das gilt auch für den Curevac-Konkurrenten Biontech aus Mainz oder den Rostocker Diagnostik-Spezialisten Centogene, die beide vergangenen Herbst an die US-Technologiebörse gegangen sind. Zwar hatten die Mainzer nur rund 150 Millionen Dollar eingenommen und kamen auf eine Bewertung von 3,4 Milliarden Euro, Centrogene sogar nur 56 Millionen und unter 300 Millionen Dollar Bewertung – doch auch bei ihnen geht der Trend nach oben und vor allem, weitere Kapitalerhöhungen sind jederzeit möglich.

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