Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Auslöser eines neuen Sex-Zeitalters: Die blaue Pille für den Mann

Blaues Pärchen: zwei Viagra-Tabletten auf einer Verpackung.
Blaues Pärchen: zwei Viagra-Tabletten auf einer Verpackung.

Nur zufällig entdeckt – und dann Auslöser eines neuen Sex-Zeitalters: Seit seiner Zulassung heute vor 22 Jahren hat Viagra unzähligen Männern gegen Erektionsstörungen geholfen. Für Hersteller Pfizer wurde das Medikament zum Milliardengeschäft – und das Thema Impotenz vom gesellschaftlichen Tabu teilweise befreit. Eigentlich wollten die Forscher in den Pfizer-Laboren ein Mittel gegen Bluthochdruck entwickeln. Sie testeten den Wirkstoff Sildenafil – aber bei den männlichen Versuchspersonen kam es zu längeren und stärkeren Erektionen. Genauere Studien zeigten, dass die Einnahme den Blutfluss in den Penis verbessert, sexuelle Erregung vorausgesetzt.

Das erste Lifestyle-Produkt

Am 27. März 1998 gab die US-amerikanische Zulassungsbehörde grünes Licht für den Verkauf der blauen, rautenförmigen Tabletten unter dem Markennamen Viagra. Ein halbes Jahr später war das Medikament zur Behandlung der Erektilen Dysfunktion, umgangssprachlich Impotenz, auch in deutschen Apotheken erhältlich. Die Erwartungen auf ein befriedigendes Liebesleben schossen in die Höhe wie bei der sexuellen Revolution durch Einführung der Anti-Baby-Pille in den 1960er-Jahren. Das Wort vom ersten Lifestyle-Produkt weltweit machte die Runde. Andere Mittel, die das Leben schöner und den Menschen leistungsfähiger machen sollten, folgten nach.

Lust aufs Rezept

Mit Viagra bekamen Männer mit Versagensängsten Lust aufs Rezept. Sie konnten eine fehlende Standfestigkeit ärztlich diagnostizieren und nun auch einfach behandeln lassen. Der schambesetzte Schwachpunkt Impotenz war Gesprächsthema geworden wie der Wunsch nach sexueller Erfüllung überhaupt. Deswegen zum Arzt zu gehen, trauten sich viele jetzt erstmals zu – und eine Tablette zu schlucken, war allemal bequemer, als sich herkömmlichen Methoden der Potenzförderung wie Injektionen oder dem Anlegen einer Vakuum-Penispumpe zu unterziehen.

Leichtsinn machte sich breit

Übertriebene Fantasien, mit der Pille für den Mann plötzlich Wunderdinge im Bett vollbringen zu können, haben jedoch auch den Leichtsinn befördert. Manch Übermütige besorgen sich Viagra oder Viagra-Fälschungen unerlaubt ohne Rezept im Internet, um den harten Kerl markieren zu können, obwohl das Mittel für sie ungeeignet ist. Für Herzkranke und andere Risikopatienten kann Viagra unter Umständen gefährlich sein – persönlicher Lifestyle hin oder her. Zahlreiche Todesfälle wurden mit der Einnahme des Produkts oder einer Überdosierung in Verbindung gebracht.

Glücksgriff für Pharma-Riesen

Für Pfizer erwies sich Viagra indessen als Glücksgriff. Bezahlen muss der Kunde selbst, die Krankenkassen schießen – wie auch bei Appetitzüglern oder etwa Haarwuchsmitteln – in der Regel kein Geld zu. Bis zum Auslaufen des Sildenafil-Patents in Europa 2013 erzielte der Pharma-Riese mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz mit dem Potenzmittel (rund 18,6 Milliarden Euro zum heutigen Wechselkurs). Aufkommende Konkurrenz- und Nachahmerpräparate (Generika) konnten aber immer mehr gegen Viagra punkten. Mit niedrigeren Preisen etablierten sich beispielsweise Cialis (Wirkstoff Tadalalfil) von Anbieter Lilly oder Levitra (Vardenafil) von Bayer. Auch Pfizer selbst brachte ein Viagra-Generikum auf den Markt – in weißer Farbe statt in Blau und billiger als das Original.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.

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