Wirtschaft Auch ohne Kehlkopf sprechen

Kann trotz fehlenden Kehlkopfs sprechen: Thomas Müller.
Kann trotz fehlenden Kehlkopfs sprechen: Thomas Müller.

«Weinheim.»Die Unternehmensgruppe Freudenberg ist ein über 48.000 Mitarbeiter zählender Mischkonzern, der unter anderem als Automobilzulieferer und Hersteller von Haushaltsprodukten fungiert, der aber auch zunehmend auf Medizintechnik setzt. Darunter fallen zum Beispiel Stimmprothesen, die Menschen nach Kehlkopfentfernung das Sprechen ermöglichen.

Nach Angaben der Weinheimer Freudenberg & Co KG, die in Kaiserslautern einen Standort mit rund 600 Mitarbeitern hat und dort auch Medizintechnikprodukte herstellt, leben in Deutschland rund 20.000 Menschen ohne Kehlkopf. Die häufigste Ursache sei Kehlkopfkrebs. Nach der Kehlkopfentfernung seien Atem- und Speiseweg völlig voneinander getrennt. Die Luftröhre werde in die Halshaut eingenäht und es entstehe eine Öffnung (Stoma), durch die fortan ausschließlich geatmet werde. Nach diesem Eingriff sei herkömmliches Sprechen nicht mehr möglich. Stimmprothesen können da Abhilfe schaffen. Die Geschäftsgruppe Freudenberg Medical entwickelt und produziert in Carpinteria im US-Bundesstaat Kalifornien solche medizinischen Hilfsmittel unter dem Markennamen InHealth. Sie funktionieren nach Freudenberg-Angaben folgendermaßen: „Eine Stimmprothese ist ein Einwegventil zwischen Luft- und Speiseröhre.“ Beim Verschluss des vor dem Ventil befindlichen Filters mit dem Finger entweiche die Luft nicht, sondern ströme Luft in die Speiseröhre und dann in den Hals. Und weiter: „Der Ton für das Sprechen entsteht durch die Vibration der Schleimhautfalten im Hals, die durch die einströmende Luft in Schwingung versetzt werden.“ Die Vibrationen werden von den Patienten dann im Mund zu Wörtern geformt. Ein Stimmprothesenträger ist zum Beispiel der 60-jährige Thomas Müller aus Mehlbach in der Westpfalz, der in Kaiserslautern die Selbsthilfegruppe Palatina für Kopf-Hals-Operierte gegründet hat. 2006 ist ihm nach seiner zweiten Krebserkrankung der Kehlkopf entfernt worden. Müller: „Ich komme mit der Prothese gut zurecht. Es war neu, dass sich viele Menschen umgedreht haben, wenn sie meine Stimme zum ersten Mal gehört haben.“ Es gibt auch Modelle mit einem Stoma-Aufsatz, was den Fingerverschluss überflüssig macht und „freihändiges Sprechen“ ermöglicht. Müller: „Das Stimmventil selbst hat nur die Aufgabe, die Ausatemluft in die Speiseröhre zu leiten und zu verhindern, dass Flüssigkeit von der Speiseröhre in die Luftröhre gelangt. “ Das Ventil müsse täglich gereinigt werden und werde regelmäßig ausgetauscht. Das erfolge dann in einer HNO-Arztpraxis und dauere nur wenige Minuten. Eine Alternative zum Stimmventil ist laut Freudenberg das Erlernen der Ruktussprache, Müller nennt es Rülpssprache: „Das bedeutet das Verschlucken und kontrollierte Abgeben von Luft. Dies ist schwer zu erlernen“. Ein elektrisch betriebener Tongeber sei eine weitere Möglichkeit, klinge aber blechern und unnatürlich. Müller nennt es „roboterartig“. Die Selbsthilfegruppe in Kaiserslautern wird von rund 20 Betroffenen zwischen 45 und 80 Jahren genutzt, auch von Angehörigen. Müller: „Wir beraten Betroffene vor und nach der Operation, helfen bei Beantragung von Behindertenausweis und Rente.“ Entsprechende Vereine gibt es unter anderem auch in Pirmasens sowie Ludwigshafen/Schifferstadt. Infos im Internet www.kehlkopflose-rlp.de

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