Wirecard-Prozess RHEINPFALZ Plus Artikel Anwalt kündigt Nachfrage beim Flüchtigen an

Darf ein Brief des flüchtigen Jan Marsalek vor Gericht verlesen werden? Sein Anwalt will Marsalek fragen.
Darf ein Brief des flüchtigen Jan Marsalek vor Gericht verlesen werden? Sein Anwalt will Marsalek fragen.

Im Wirecard-Prozess ist die Aussage des Anwalts von Jan Marsalek schnell beendet. Immerhin will er Kontakt zu seinem Mandanten aufnehmen, der auf der Flucht ist und den viele Prozessbeteiligte für den Hauptschurken halten.

Es ist wie so oft in diesem nun seit einem Jahr dauernden Mammutprozess. Ein Zeuge, der viel weiß und sagen könnte, erscheint nicht oder verweigert die Aussage. Diesmal ist es Frank Eckstein, der im Zeugenstand des Wirecard-Prozesses Platz nimmt. Er ist Rechtsanwalt des flüchtigen Wirecard-Topmanagers Jan Marsalek. Der fungiert als eine Art Fixpunkt im sonst von alternativen Realitäten geprägten Verfahren. Alle Prozessbeteiligten sagen in seltener Eintracht: Marsalek war führendes Mitglied einer Bande, die beim früheren Dax-Konzern einen Milliardenbetrug inszeniert hat. Der 63-jährige Eckstein dagegen sagt nur eines. „Ich muss Rücksprache halten mit meinem Mandanten.“ Dann verlässt er den Zeugenstuhl wieder.

Bei der Rücksprache geht es nicht etwa um Erlaubnis für umfassende Erklärungen, sondern darum, ob vor Gericht ein Brief Marsaleks verlesen werden darf, den Eckstein ausformuliert hat. Noch vor Weihnachten werde er dazu vom Flüchtigen eine Antwort liefern, was nicht ohne Erkenntnisgewinn ist. Immerhin weiß man jetzt, dass Marsalek, der sich wohl nach Russland abgesetzt hat, noch lebt. Selbst das war zeitweise unklar.

Die andere Konstante des Betrugsprozesses neben der Schurkenrolle Marsaleks ist ein Zweikampf. Auf der einen Seite stehen Staatsanwälte und deren Kronzeuge. Das ist der ehemalige Wirecard-Topmanager Oliver Bellenhaus, der als Einziger eines angeklagten Trios gestanden hat. Auf der anderen Seite üben mit dem früheren Wirecard-Chef Markus Braun und Ex-Chefbuchhalter Stefan E. die anderen beiden Angeklagten den Schulterschluss gegen den Kronzeugen, den sie einen Lügner nennen. Insofern ist prozesstypisch, was nach Ecksteins Aussageverweigerung passiert.

Weitere E-Mails sollen als Beweismittel dienen

Erst werden Bellenhaus und seine Anwälte zu Anklägern gegen E. Der Chefbuchhalter gibt sich bis heute als unschuldiges Betrugsopfer von Bellenhaus. Davon, dass dieser Geschäfte in Asien im großen Stil frei erfunden hat, will er nichts gewusst haben. Bellenhaus glaubt nun mit E-Mails beweisen zu können, dass E. nicht nur davon gewusst, sondern die Betrügereien sogar auf allzu offensichtliche Ungereimtheiten hin kontrolliert und deren Korrektur in Auftrag gegeben habe.

Danach schlägt die Stunde des Alfred Dierlamm. Der renommierte Strafverteidiger vertritt den Hauptangeklagten Braun. Dieses Gespann entwirft einen anderen Tathergang und auch eine alternative Besetzung der Wirecard-Betrügerbande. Demnach sind die Geschäfte nicht einfach erfunden worden. Es habe sie wirklich gegeben. Resultierende Erlöse seien aber trickreich an Wirecard vorbei auf Schattenfirmen gelenkt und so veruntreut worden. Bandenchefs waren demnach Marsalek und Bellenhaus. Braun habe von nichts gewusst und sei ein Opfer.

Zwei Milliarden Euro sollen abgezogen worden sein

Diesmal nimmt Dierlamm die Staatsanwaltschaft aufs Korn, die sich zuvor kritisch mit Brauns Version der Wahrheit auseinandergesetzt hatte. Vollmundig, inhaltsleer und ohne Bezug zum Verfahren seien angebliche Beweise für diese Tatvariante, hatten die Staatsanwälte erklärt. „Unzutreffend, nicht nachvollziehbar, verfälschend oder verwirrend“, seien die Argument der Staatsanwälte dazu, sagt nun Dierlamm. Die wahre Tatstruktur werde schlicht ignoriert. Geschäfte in Asien und daraus resultierende Erlöse habe es sehr wohl gegeben. Das Geld sei auch da, nur nicht auf den Konten, auf die Staatsanwälte blicken. Allein 340 Millionen Euro würden so heute noch auf Konten einer Gesellschaft namens Pittodrie Finance liegen, die Braun und Verteidigung als Veruntreuungsvehikel sehen. Es gebe weitere dieser Art. Insgesamt rund zwei Milliarden Euro seien so aus Wirecard illegal abgezogen worden.

Die Staatsanwaltschaft kommt mit Blick auf Pittodrie & Co zu anderen Schlüssen. Service-Angebote im Sektor Geldwäsche seien das mutmaßlich gewesen und mithin andere Delikte als die im jetzigen Prozess verhandelten. Mit dem hätten diese Gelder nichts zu tun.

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