Versicherungsbranche
Allianz setzt auf Bündnisse für Nachhaltigkeit
Line Hestvik ist besorgt. „Die Welt steht auf dem Spiel und die Art wie wir leben“, sagt die Norwegerin, die seit 2013 für den deutschen Assekuranzriesen Allianz arbeitet. Die 53-Jährige meint damit nicht die Erfahrungen aus drei Jahren Pandemie oder den russischen Angriff auf die Ukraine mit explodierenden Energiekosten als eine der Folgen. Anfang 2021 hat die Frau, die zuvor das globale Sachversicherungsgeschäft der Allianz geleitet hat, im Konzern den damals neu geschaffenen Posten einer Nachhaltigkeitschefin übernommen. „Ich habe noch nie ein Thema bearbeitet, das so viel Veränderung bedingt“, lautet ihr Fazit. Nachhaltigkeit sei eine Daueraufgabe für Jahrzehnte über alle anderen Krisen hinweg und für unser aller Zukunft entscheidend.
Das sind große Worte, aber die Norwegerin will sich daran messen lassen. „Es hat im Investmentbereich begonnen“, sagt sie über den Weg zu mehr Nachhaltigkeit im eigenen Haus. Sie meint damit, dass die Allianz als großer Kapitalanleger eigenes und für Dritte verwaltetes Geld nur noch nach genauer Einzelfallprüfung in klima- und sozialkritische Branchen steckt oder neue Investments in unmittelbar klimaschädliche Industrien wie Kohle, Öl und Gas komplett auf eine rote Liste gesetzt hat.
13 Branchen als sensibel definiert
„Wir haben insgesamt 13 Branchen als sensibel definiert und das nicht nur für den Anlage-, sondern auch den Versicherungsbereich“, erklärt Hestvik. Das heißt, dass die Allianz dort bei jedem potenziellen Geschäft prüft und binnen weniger Tage entscheidet, ob Nachhaltigkeitsziele verletzt werden. In diesem Fall wird auf das Geschäft verzichtet.
„Wir harmonisieren unsere Nachhaltigkeitsstrategie“, sagt die 53-Jährige zur Verknüpfung von Anlage- und Versicherungsgeschäften. Die Assekuranz habe mit diesen beiden Hebeln damit als Branche eine Schlüsselposition inne, wenn es um Veränderungen im Sinne der Nachhaltigkeit geht, findet sie.
Allianz sucht Nachhaltigkeitsallianzen
Als deutscher und europäischer Marktführer in vielen Assekuranzsparten und auch in der Vermögensverwaltung ist die Allianz fraglos eine Branchengröße, aber doch mit begrenzter Macht. Deshalb gehen die Münchner Nachhaltigkeitsallianzen ein. „Wir glauben an Partnerschaften“, bekennt Hestvik. Eine davon ist die Net Zero Asset Owners Alliance der Vereinten Nationen, deren Gründungsmitglied die Allianz ist.
74 große Versicherer und Fondsgesellschaften, die aktuell zusammen die schier unvorstellbare Anlagesumme von 10,6 Billionen Dollar kontrollieren, umfasst das Bündnis mittlerweile. Weniger als ein Viertel dieses Anlagevolumens und zwölf Gründungsmitglieder waren es zum Start 2019. Das Bündnis wächst nicht nur stark, es nimmt Firmen, in die investiert wird, auch in die Pflicht. „Für 2025 gilt als Kurzfristziel eine 25-prozentige Reduzierung von Treibhausgasen“, erklärt Hestvik. 2019 ist dabei das Referenzjahr. Unternehmen, die sich nicht darauf verpflichten, erhalten aus dem Kreis des Bündnisses keine Anlagegelder. Das zwingt Firmen zu Verbindlichkeit in Umweltfragen.
Seit 2021 gibt es analog zum Anlegerbündnis eine Net Zero Insurance Alliance. Auch dort ist die Allianz als eines von anfangs acht und heute 29 Mitgliedern mit von der Partie. Aus diesem Kreis, der nach eigenen Angaben 12 Prozent der globalen Assekuranz repräsentiert, soll nur noch Versicherungsschutz bekommen, wer sich Nachhaltigkeitszielen verpflichtet. Ein erstes Kurzfristziel ist in Arbeit. „Das wird 2023 festgelegt“, kündigt Hestvik an.
Bündnis mit Anlagesumme von 61 Billionen Dollar
Bei einem dritten globalen Nachhaltigkeitsbündnis namens Net Zero Asset Manager Alliance mit einer gemeinsamen Anlagesumme von gut 61 Billionen Dollar ist die Allianz über ihre Vermögensverwaltung mit dabei. Die Nachhaltigkeitsphilosophie des eigenen Konzerns erklärt Hestvik so: „Wir versichern und investieren in Transformation.“ Sie meint damit, dass Geschäfte nicht nur mit Firmen und Branchen gemacht werden, die nach allgemeiner Definition schon grün sind wie Elektroautohersteller, Windanlagenbauer oder Solarzellenproduzenten. Anlagegelder oder eine Police erhalten von der Allianz auch Unternehmen, die noch nicht so weit auf dem Nachhaltigkeitspfad sind, aber sich dafür verbindliche Ziele setzen. Denn nur durch den Wandel traditioneller Industrien könne sich in absehbarer Zeit etwas ändern, argumentiert die Nachhaltigkeitschefin der Allianz.
Dilemmata streitet sie nicht ab. Greenwashing sei eines, wenn Umweltaktivisten etwa kritisieren, dass Anlagen in einen Autobauer mit hohem Verbrenneranteil nicht grün sind. Wenn dort investierte Gelder aber helfen bei Entwicklung und Bau von Elektroautos, sieht die Sache anders aus. „Die entscheidende Frage ist, was Nachhaltigkeit bewirkt“, gibt Hestvik zu bedenken. Auch die jetzige Energiepreisexplosion berge Potenzial für ein Dilemma, wenn Erdgas über Nacht wieder salonfähig wird. Die Allianz werde aber deshalb die eigene Nachhaltigkeitsstrategie nicht aufweichen, versichert die 53-Jährige. „Wir müssen das Morgen managen“, sagt sie.
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