Toulouse
Airbus im Krisenmodus
Airbus-Chef Guillaume Faury versucht erst gar nicht, etwas zu beschönigen. „Wir sind im Auge des Sturms“, sagt der Chef des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns zur Vorlage eines Zwischenberichts im französischen Toulouse. Gut 1,9 Milliarden Euro Verlust im ersten Halbjahr hat Airbus eingeflogen, nachdem vergangenes Jahr um diese Zeit noch 1,2 Milliarden Euro Gewinn zu Buche standen.
„Unsere Auslieferungen haben sich halbiert“, sagt der Franzose. Knapp 200 Flugzeuge hat Airbus in den ersten sechs Monaten des Jahres an Fluggesellschaften übergeben, die diese eigentlich gar nicht brauchen. Denn die Pandemie hält die Airlines immer noch stark am Boden. Der Ausblick ist trübe: Acht Neubestellungen gab es im zweiten Quartal.
Erholung wird Jahre dauern
Obwohl Airbus die Produktion um 40 Prozent gekürzt hat, wird derzeit auf Halde produziert. Bis Ende Juni konnten 145 fertige Flugzeuge nicht ausgeliefert werden. Der mit den Einbrüchen verbundene Abbau von 15.000 der 135.000 Arbeitsplätze konzernweit, davon allein 6000 Stellen hierzulande kostet weiteres Geld. Bis zu 1,6 Milliarden Euro plane der Konzern für das Abbauprogramm zurückzustellen, kündigte Faury an.
Ziel für das zweite Halbjahr 2020 sei es, kein weiteres Geld zu verbrennen. Es sei aber nicht sicher, ob das funktioniere. In der ersten Jahreshälfte kam es unterm Strich zu einem Zahlungsmittelabfluss in der rekordverdächtigen Höhe von 12,9 Milliarden Euro. Klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Die Produktion noch stärker drosseln kann Airbus aber auch nicht, weil das einige der rund 3200 Zulieferer in Existenznöte stürzen könnte. „Es sieht so aus, als würde die Lieferkette halten“, sagt Faury für den Moment. Das gelte aber nur, falls keine zweite Infektionswelle dem sich gerade langsam wiederbelebenden Flugverkehr erneut abwürgt. Airbus rechnet ohnehin damit, dass es auch so Jahre dauert, bis der wieder auf dem Niveau von vor der Krise ist.
Auch der US-Rivale in der Verlustzone
„Wir befinden uns in einer schwierigen Lage mit unsicheren Zukunftsaussichten“, stellt Faury klar. Eine Prognose für das Gesamtjahr verkneift er sich deshalb. Seine Industrie gehört zu den von der Pandemie am härtesten getroffenen Branchen. Auch US-Rivale Boeing hat soeben einen Quartalsverlust von 2 Milliarden Euro bekanntgegeben. Bei Zulieferern sieht es weltweit ähnlich aus.
Was Airbus derzeit leidlich stützt, sind das Rüstungsgeschäft und die Raumfahrtsparte, obwohl es auch dort wegen der Pandemie Einschränkungen gibt. Dennoch haben beide Sparten geholfen, den Umsatzeinbruch im ersten Halbjahr auf knapp 19 Milliarden Euro zu beschränken. Das ist ein Minus von fast 40 Prozent gegenüber der gleichen Vorjahreszeit, wobei die Umsätze allein im zweiten Quartal um mehr als die Hälfte kollabiert sind.
Verkraften muss der Konzern zudem höhere Zinsen für Staatskredite. So will er einen seit 16 Jahren schwelenden Subventionsstreit mit Boeing und den USA beenden. Die Welthandelsorganisation WTO hatte deswegen den USA Strafzölle von 7,5 Milliarden Dollar (6,4 Mrd Euro) erlaubt, was die Regierung von US-Präsident Donald Trump nutzt. Für Airbus-Flugzeuge wurde eine Einfuhrsteuer von 15 Prozent erlassen, die der Konzern mit seinen Zugeständnissen im Subventionsstreit nun vom Tisch bekommen will.