Sonderposten
Abenteuer am Geldautomaten
Daran klebt dieses Schild, das Rätsel aufgibt. „Bei Nichtkauf ist kein Abbruch möglich“, heißt es da. Kaum hat sich der Satz ins Bewusstsein gedrängt, ist an Abbruch nicht mehr zu denken.
Der Verstand versucht das Einzige, was er kann: zu verstehen. Er dreht und wendet die Bedeutungen. Wie können wir etwas abbrechen, was wir gar nicht tun? Es heißt ja schließlich: Nicht(!)-Kauf. Wenn wir also den Kauf unterlassen, dann gibt es kein Zurück mehr? Der Abbruch ist unmöglich – aber nur bei Nichtkauf. Wenn also das eintritt, was gar nicht existiert, dann kann es nicht mehr abgestellt werden? Was, um Himmels Willen, soll das bedeuten? Es handelt sich offenbar um ein Rätsel der Ökonomie. Der Kopf beginnt zu schwirren.
Vom Denken, vom Sagen – und vom nicht Denkbaren
Einem Kollegen geht es ähnlich. Er habe das Schild zuvor nicht bemerkt. Dabei ist es nicht klein und hängt in Augenhöhe. Und jetzt, wo er darüber nachdenke, sagt er, werde ihm ganz schwindelig. Ein Philosoph schrieb einmal, Denken sei Sprechen mit sich selbst. Könnte es hier gar umgekehrt sein, dass dieses Schild etwas sagt, was gar nicht denkbar ist?
Vielleicht hilft der zweite Satz weiter, der auf dem Schild zu finden ist: „Automat gibt Wechselgeld bei Kauf!“ Wer hätte das gedacht? Ist ja auch keine Selbstverständlichkeit, dass ich bei einem Barkauf Wechselgeld bekommen könnte. Aber man kann es ja mal betonen. Der Kunde soll ja bemerken, dass er hier einen gehobenen Service erhält.
Nichts mehr kaufen, nicht mehr denken
Wenn man diesen zweiten Satz als Einleitung des anderen Satzes versteht, dann könnte „Bei Nichtkauf ist kein Abbruch möglich“ bedeuten: Wer hier Geld einwirft und dann plötzlich doch nicht mehr kaufen will, der erhält sein Geld nicht mehr zurück. Wer also einen Kauf einleitet, indem er – wie bei Automaten üblich – im Voraus zahlt und dann den Kauf abbricht, erhält sein Geld nicht zurück. Müsste das Schild dann nicht lauten: Bei Abbruch eines durch Bar-Vorauszahlung eingeleiteten Kaufs gibt dieser Automat kein Geld zurück. Oder: Bei Kaufabbruch nach Geldeinwurf kein Geld zurück. Ich kann gerade noch ein irres Lachen unterdrücken.
Ich diskutiere meine tiefschürfenden Überlegungen kurzerhand mit einem Kollegen. Der meint, er habe kürzlich Geld in eben jenen Automaten eingeworfen und dann doch nicht mehr kaufen wollen. Er habe einen Hebel betätigt und sein Geld zurückbekommen. Das ist zu viel für mich. Abbruch: Ich steige aus. Ich nehme mir vor, in den kommenden zwei Wochen nichts mehr an diesem Automaten zu kaufen – und nicht mehr zu denken.