Rheinpfalz Vom Fabeltier zur fabelhaften Ehrengabe

Die Häschdner Zwicktritsch und Ehrengabe der Gemeinde von Emil Becker aus Bottenbach.
Die Häschdner Zwicktritsch und Ehrengabe der Gemeinde von Emil Becker aus Bottenbach.

«Hauenstein.» Am 4. September waren es 25 Jahre, dass in einer denkwürdigen Gemeinschaftswanderung der acht Kilometer lange „Zwicktritschenweg“ in Hauenstein eingeweiht wurde. Initiiert hatte ihn der verstorbenen Ehrenvorsitzenden des Pfälzerwald-Vereins, Alfred Meyer („Vogesen-Meyer“). Und bereits 30 Jahre ist es her, dass Emil Becker die „Zwicktritsch“-Figur geschaffen hat.

Mitorganisatoren dieser Wanderung auf Hauensteins schönsten Wanderwegen mit viel Prominenz waren die Gemeinde Hauenstein und das Team des Verkehrsamtes um seinen damaligen Leiter Jaques Noll. Der „Zwicktritschenweg“, der normalerweise in knapp zweieinhalb Stunden zu bewältigen ist, dauerte an jenem Kerwesamstag einen ganzen Tag mit vielen historischen und sagenumwobenen Erzählungen vom „Vogesen-Meyer“ und anderen. Meyer hatte damals zur Eröffnung des neuen Weges und zu Ehren der Hauensteiner „Zwicktritsch“, die gerade erst ihren fünften Geburtstag gefeiert hatte, eine 26-seitige, sehr lesenswerte Beschreibung herausgegeben, die auch nach einem Vierteljahrhundert ein buntes Guckloch in die Geschichte der heimischen Flur mit ihrer geologischen Fels- und Waldgeschichte ist. Die Broschüre, von der es nur noch wenige Exemplare gibt, beinhaltet aber auch historische Beiträge, die weit über die Sagen-Geschichte der „Zwicktritsch“ und die nähere Heimat hinausgehen. Die Hääschdner „Zwicktritsch “ ist – anders als die Urmutter „Elwetritsch“ – allerdings nur in den Wäldern um das einst größte Schuhdorf Deutschlands auch heute noch bisweilen zu sehen, „man muss nur warten können und Geduld haben“, hatte Meyer damals bei der Erstbegehung schmunzelnd erzählt. Als der „Zwicktritschenweg“ an der Hauensteiner Kerwe 1993 eingeweiht wurde, war das Fabeltier gerade erst fünf Jahre alt, hatte es aber schon zu allerhöchsten Ehren geschafft. Die Figur aus Keramik, 25 Zentimeter lang und 15 hoch, hatte der Kunsthandwerker Emil Becker geschaffen. Sie hat ein so edles Aussehen, dass sie gleich zur besonderen Ehrengabe für verdienstvolle Persönlichkeiten avancierte. „Ich wollte eigentlich für den kunsthistorischen Weihnachtsmarkt 1988 etwas Schuhtypisches in Keramik arbeiten“, sagte der „Vater der Zwicktritsch“, der mittlerweile 90 Jahre alt ist und mit seiner Frau Rosel in Bottenbach lebt. Im RHEINPFALZ-Gespräch erinnert er sich: „Die Zwicker benutzten mit der Zwickzange ein ausgeklügeltes Werkzeug, das als ihre dritte Hand galt.“ Und dieses Bild der alten „Zwickspatzen“ mit ihrem schnabelförmigen Vorderteil hauchte der Künstler dem Prototyp der „Zwicktritsch“ ein. „Sie war tausendmal schöner als die ,Elwetritsch’, von der sie abstammt“, meint der Altmeister schmunzelnd. Emil Becker hätte von seiner Zwicktritsch – alle Nachkömmlinge waren vom Meister selbst handgemacht – Hunderte verkaufen können. Er willigte aber ebenso gern auch in eine Abmachung ein, dass jedes einzelne Stück für die Gemeinde gefertigt wurde. In der Zeit, als die Hauensteiner ihre Schuhvergangenheit in einer großen Marketingoffensive zu einer neuen Blüte führten, war von nun an die „Hääschdner Zwicktritsch“ die begehrte Ehrengabe für verdiente Hauensteiner oder Persönlichkeiten, die sich um Hauenstein besonders verdient gemacht haben. So war der vor zwei Jahren verstorbene Begründer der Hauensteiner Tillmann-Sammlung, Ernst Tillmann aus Viersen, ebenso mit einer der ersten Zwicktritschen ausgezeichnet worden wie der Neu-Münsteraner und ehemalige Landrat und Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Uelhoff, der mit einer der Geburtshelfer des Hauensteiner Museums war. Der damalige Vorsitzende des Verbandes der deutschen Literaturwissenschaften, Professor Walter Nutz aus Köln – er schrieb in diesen Jahren den Roman „Maria von Hauenstein“ – und der RHEINPFALZ-Hauptstadt-Korrespondent und Kohl-Biograf Klaus Hofmann, Vater des Regisseurs Nico Hofmann, zählten ebenso zu den Inhabern der Zwicktritsch-Ehrengabe wie der Hauensteiner Kommunalpolitiker Heinz Wengert (90) und der Nestor der Hauensteiner Volkskunde, Eugen Klein (89). Insgesamt gab es rund 35 Verleihungen, die alle in festlichem Rahmen durch die Gemeinde überreicht wurden. Erst als Ernst Becker seine kunsthandwerkliche Tätigkeit aus Altersgründen aufgab, endete kurz nach der Jahrtausendwende diese Tradition. Die Geschichte der Zwicktritsch wäre aber nicht fertig erzählt, ohne den großen Literaturwettbewerb, den die Gemeinde 1991 in der Art der „Bockenheimer Literaturtage“ ausschrieb. Über 200 Einsender aus ganz Südwestdeutschland beteiligten sich an diesem Wettbewerb um das Hauensteiner Fabeltier. Unter Leitung des damaligen SWR-Kulturredakteurs und Literaturwissenschaftlers Franz Pelgen – der Jury gehörten zudem die Autoren Hans Blinn und Albrecht Vogelsgesang sowie Amtsrat Eugen Klein an – wurde vor 250 Gästen in der damaligen guten Stube „In der Fabrik“ ein Festabend mit Preisverleihung veranstaltet. Die Jury verlieh ohne Rangfolge neun Ehrenpreise an Leonhard Feuerbach (Bad Dürkheim), Gerhard Edinger (Sippersfeld), Gerd Runck (Godramstein), Waltraud Meißner (Bad Dürkheim), Werner Mühl (Kandel), Hermann Quinckert (Hockenheim), Erika Sohn (Mannheim), Anneliese Vetter (Ludwigshafen) und an den unvergessenen Hauensteiner Gerhard Jäger von der Band „Cry`n Strings“, der seinen Text sogar vertonte. Sein Lied ist auch heute noch unter Kennern als „Zwicktrischblues“ bekannt. Es wurde damals in Abwesenheit unter großem Beifall vom Tonband gespielt, weil Gerhard Jäger schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet war, an der er allzu früh gestorben ist.

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