Rheinpfalz Selbstbewusstsein entwickeln

„Landfrauen und Landjugend reden Klartext“. Unter dieser Devise hat sich der Landfrauen-Kreisverband Kaiserslautern zu einer „Diskussion ums Dorf“ im Bürgerhaus Reichenbach-Steegen getroffen. Die Veranstaltung richtete sich „an alle, die Lust aufs Land haben“.
„Man wird Sie hoffieren! Man wird Ihnen hinterherlaufen müssen! Sie müssen darauf vorbereitet sein, wenn Sie kommen!“, lautete die Ansage in Richtung Landbevölkerung. Peter Heck vom Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier nutzte in seinem rasanten Vortrag eine bildhafte Sprache. „Sie sind eine begehrte Braut, aber noch ohne Hochzeitskleid.“ Jedes Jahr verschwänden einige Millionen Hektar Boden. „Boden wird immer wertvoller. Und wenn wir im ländlichen Raum etwas haben, dann ist es Boden!“ Heck erläuterte: „Aus Asien, Südamerika und Indien kommen derzeit unsere Ressourcen. Das wird in Zukunft nicht mehr so funktionieren. Wir werden uns intensiver mit den vorhandenen Potenzialen hier im ländlichen Raum beschäftigen müssen.“ Er spannte einen Bogen von globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel und dessen weltweiten Auswirkungen über den Umgang mit Ressourcen und den demografischen Wandel bis zu nachhaltiger Landnutzung und Umweltschutz. „Dauerhaft und nachhaltig produzieren, regional einkaufen“, darin liegt eine der vorgeschlagenen Lösungen. Diese Idee sei nicht neu. Bereits Friedrich Wilhelm Raiffeisen sprach sich im 19. Jahrhundert dafür aus: „Das Geld des Dorfes dem Dorfe.“ Heck plädiert für mehr Selbstbewusstsein bei der Landbevölkerung. „Das Land hat einiges zu bieten. Wir sind die Gärten der Metropolen.“ Er zeigte Lösungsmöglichkeiten und verwies auf Denkblockaden. Der Übergang von einer „Mangelverwaltung und Subventionsmentalität“ in neue Agrarsysteme, regionale Wertschöpfung und neue Dorfkonzepte könne funktionieren. Als Beispiel nannte er Kommunen im Rhein-Hunsrück-Kreis. In einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde es regionaler. Mit Landrat Ralf Leßmeister (CDU), dem Kuseler Dekan Lars Stetzenbach, dem Allgemeinmediziner und Naturheilkundler Eike Heinicke aus Reichenbach-Steegen sowie mit Bäckereiinhaberin Petra Kunz standen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kirche den etwa 150 Besuchern Rede und Antwort. „Die Gesundheitsversorgung ist insgesamt noch gut im Landkreis“, führte Leßmeister aus. Flächendeckend wolle man sich noch in diesem Jahr „den weißen Flecken im Breitband- und Mobilfunkausbau widmen“. Durch die stattliche Anzahl von elf Bürgerbussen habe der Landkreis „in puncto Mobilität eine Spitzenstellung in Rheinland-Pfalz“. Besonders die ältere Generation könne dadurch mobil bleiben, sagte der Landrat. „Wir wollen Fachärzte motivieren, Allgemeinarzt zu werden“, beschrieb der 75-jährige Heinicke sein Anliegen. Er werde langsam müde. Doch für seine Nachfolge bestünden „schlechte Aussichten“. Eventuell gäbe es die Möglichkeit, mit einem Kollegen eine Gemeinschaftspraxis zu gründen. Dekan Stetzenbach sieht für die Kirchen zwei große Herausforderungen: den Pfarrermangel und den Verlust an Kirchenmitgliedern, hauptsächlich durch den demografischen Wandel. „Wer nur seine Schäfchen zählt, schläft irgendwann selbst ein“, könne nicht die Devise sein. Wie kann die Kirche für jüngere Leute zwischen 30 und 65 Jahren attraktiv werden? Auf diese Frage müsse man Antworten finden, betonte Stetzenbach. Antworten gefunden haben bereits Petra Kunz und ihr Bruder, die seit beinahe 70 Jahren über mehrere Generationen eine örtliche Bäckerei mit Filialen in Steinwenden und Kaiserslautern betreiben. Online-Handel mit Brot sichere ihnen die Existenz. Aus dem Publikum beschrieb Milchbauer Jörg Brassel aus Albessen, wie er erfolgreich die Milch seiner Kühe jetzt auch direkt an seinen Milchzapf-Automaten – unter anderen in Ramstein-Miesenbach – vermarktet. Vertreter der Landjugend waren sich gegen Ende der Veranstaltung einig: „Landleben kann man genießen“.