Rheinpfalz Notfalls den Saft abdrehen
In Lauterecken spielen die Kirchenglocken verrückt. Wie von Geisterhand läuten die Glocken der protestantischen Kirche in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Seit drei Wochen gehe das bereits so, wandte sich Pfarrer Timo Schmidt jetzt an die RHEINPFALZ. Er ist ziemlich ratlos: Was nach einem Scherz klingt, bereitet den Lautereckern echte Probleme. Sie haben deswegen sogar die Polizei alarmiert.
Wie Schmidt berichtet, läuteten die Glocken das erste Mal außer der Reihe in der Nacht auf den 3. Juli. „Damals haben die Gemeindemitglieder noch mich verantwortlich gemacht“, erzählt Schmidt der RHEINPFALZ. „Die Leute meinten, ich hätte die Glocken geläutet, weil Deutschland Italien bei der Europameisterschaft besiegt hatte“, erzählt der einst erfolgreiche Hammerwerfer. Doch dem war mitnichten so. „Die Glocken spielen einfach verrückt“, sagt der Theologe. Jeweils kurz nach 24 Uhr bimmelten sie für rund zehn bis 15 Minuten. Nach dem ersten Fehlgeläute habe ihm die Sekretärin im Pfarramt von dieser besonderen nächtlichen Ruhestörung berichtet. Daraufhin habe er gleich bei der Wartungsfirma angerufen, schildert der Pfarrer. „Aber wir haben so rasch keinen Termin bekommen.“ Nach dem zweiten Fehlgeläute in der Nacht zum 10. Juli habe er nochmals Druck bei der Firma gemacht. „Wenn wir auf Handbetrieb schalten, können die Glocken nicht läuten“, haben die Experten ihm geraten. Gesagt, getan. Doch die Lauterecker „Wunderglocke“ scherte sich darum nicht. Sie läutete auch mit abgeschalteter Automatik munter weiter, zuletzt also in der Nacht auf den 17. Juli. Nach Polizeiangaben haben verärgerte Bürger daraufhin die Polizei verständigt. „Die Glocken waren in der ganzen Stadt zu hören“, schilderten die Beamten. Im Pfarramt laufen seither die Telefone heiß, die Leute beschweren sich auch per E-Mail, berichtet Schmidt. Der Pfarrer, der erst im März auf seine erste Pfarrstelle nach Lauterecken kam, weiß sich nicht mehr zu helfen. Ob ihm jemand einen üblen Scherz mitspiele? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt er. So lange sei er doch noch gar nicht im Land, dass ihn die Leute womöglich nicht mögen... Ob er vielleicht die Presbyter verärgert hat? „Nein, auch das nicht“, wehrt Schmidt ab. Er ist vielmehr sehr bemüht, den Defekt rasch zu finden. Aus den Unterlagen habe er herausgefunden, dass die Uhr zuletzt im April turnusmäßig gewartet worden war. Während die Glocken der Kirche gehören, sei die Uhr an der protestantischen Kirche samt ihrem Stundenschlag Sache der Stadt, erklärt der Pfarrer. Schmidt versichert, er verstehe den Ärger der Leute über die nächtliche Ruhestörung. Gestern war nun endlich der langersehnte Techniker dort. Sein Befund: „Es lässt sich kein Fehler feststellen“, teilte der Pfarrer mit. Falls die Glocken weiterhin außer der Reihe erklingen, werde als allerletzte Möglichkeit eben der Strom abgestellt, kündigte der Pfarrer an. „Dann gibt es aber gar nichts mehr: keine Uhr, keinen Stundenschlag, kein Geläut am Sonntag.“ Dann wäre absolute Stille. Aber vielleicht besinnt sich die Glocke ja noch vorher – bevor man ihr den Saft abdreht. |suca