Rheinpfalz Nachricht aus Neuland: Wie Influencer die Politik verändern
Dabei sieht Rezo, der seinen Namen selbst „Riso“ ausspricht, im Video wohl exakt so aus, wie Erwachsene sich einen coolen, jungen Internettypen vorstellen: blauer Haarschopf, grell-orangefarbener Kapuzenpulli und Käppi. Er sitzt in einem weißen Zimmer vor einem schwarzen Mikrofon. Um ihn herum liegen, hängen und stehen allerlei Musikinstrumente, zu seiner Rechten: Computertastatur und Maus. Eigenen Angaben zufolge stammt Rezo, dessen Klarname unbekannt ist, aus Wuppertal, hat Informatik studiert und wohnt in Aachen. Über die Kompetenz von CDU-Politikern urteilt er: „Diggi, das ist so dumm, das tut mir körperlich weh.“
Gut eine Woche vor der Europawahl veröffentlicht, wurde das Zerstörungsvideo inzwischen rund 14 Millionen Mal abgerufen. Rezo appelliert darin an seine jungen Zuschauer: „Wählt bitte nicht die SPD. Wählt bitte nicht die CDU und bitte nicht die CSU. Und die AfD schon gar nicht.“
Der "Rezo-Effekt" hat einen Wikipedia-Eintrag
Niemand weiß sicher, ob er Mitschuld am schlechten Abschneiden der Regierungsparteien hat. Aber einiges spricht dafür. Hätten am Wahltag nur Menschen unter 30 ihr Kreuzchen gemacht, käme die CDU gerade mal auf 13, die SPD auf 9 Prozent.
Und doch ist das Einflusspotenzial der Jungen gering. Nur rund 16 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sind jünger als 30 Jahre. Zum Vergleich: Allein die Gruppe der Über-60-Jährigen ist mit gut einem Drittel aller Wahlberechtigten doppelt so groß. Dennoch diskutiert Deutschland seit der Wahl über einen möglichen „Rezo-Effekt“. Der Ausdruck ist so populär, dass er schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat.
Weniger populär war die Reaktion der CDU. „Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich – und dann gewinnst du“, hat Mahatma Gandhi einst gesagt. Rezo hat gewonnen.
Amthor-Video landete im Giftschrank
Denn erst als sich der Erfolg des Videos nicht mehr totschweigen ließ, brach die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ihr Schweigen: „Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab“, beliebte sie zu scherzen. Dass aber ausgerechnet die Vorsitzende einer christlichen Partei nicht bibelfest ist – im zweiten Buch Mose ist nicht von sieben, sondern von zehn Plagen die Rede – ließ ihren Konter mit Karacho ins Leere laufen. Und Internet-Deutschland beliebte über AKK zu scherzen.
Ein angekündigtes Gegenschlag-Video des 26-jährigen CDU-Abgeordneten Philipp Amthor ließ der Parteivorstand noch vor Veröffentlichung im Giftschrank des Adenauer-Hauses verschwinden. Er wird seine Gründe haben. Am Ende hatte die CDU nicht mehr zu bieten als ein zwölfseitiges PDF-Dokument und eine Einladung zum Gespräch. Das war vor der Wahl.
Nach der Europawahl und dem für die Regierungsparteien so verheerenden Ergebnis redete sich Kramp-Karrenbauer dann endgültig um Kopf und Kragen. Sie kritisierte „Meinungsmache“ im Netz und dachte laut darüber nach, ob man diese vor wichtigen Wahlen nicht regulieren sollte. „Zensur, Zensur“, brüllte es flugs auf Youtube und Twitter. War die CDU-Chefin gerade ernsthaft auf die Idee gekommen, man müsse Meinungsäußerungen im Internet regulieren, selbst dann, wenn es sich nicht um Hasspostings handelt? Die Herzen einer Generation, die gerade noch vergeblich gegen die EU-Urheberrechtsreform demonstrierte, kann man so wohl kaum zurückgewinnen.
"Warum schmeißt du mir den Ball in den Schritt?“
Die neue EU-Richtlinie und ihr umstrittener Artikel 13 waren auch Thema in einigen von Rezos Videos. Bisher war der 26-Jährige auf Youtube eher mit Klamauk aufgefallen. Im Video „Wenn Schulfächer Rapper wären“ singt und rappt er („Ich bin MC Erdkunde, ich mache krassen Scheiß“), in seinem neuesten Video spielt er eine Art Quiz auf einem Sofa mit einer anderen Youtuberin; wer verliert, bekommt einen Stromschlag von einem Elektroschockball („Aaaah, warum schmeißt du mir den Ball in den Schritt?“). Es sind allesamt harmlose Clips, wie sie Hunderte deutsche Youtuber für die Zielgruppe der Zwölf- bis 25-Jährigen produzieren und die millionenfach geklickt werden. Das Prinzip ist immer das gleiche: Selbstvermarktung.
Das gilt für Rezo genauso wie für die 24-jährige Dagi Bee, die auf Youtube Schönheits-Tipps gibt. Oder den 34-jährigen MrWissen2go, der seinen Zuschauern Politik und Gesellschaft erklärt. Das Gesicht ist die Marke. Die Videos sind im Schnitt zehn Minuten lang und erreichen zwischen 200.000 und zwei Millionen Aufrufe. Und: Sie haben die politische Kommunikation in Deutschland verändert.
Selbst Dagi Bee, deren Inhalte sonst eher an die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Mädchen“ erinnern, hat sich zusammen mit rund 80 anderen Youtubern einem Aufruf von Rezo angeschlossen und forderte ihre Fans auf, ihre Stimme bei der Europawahl nicht der CDU, SPD oder AfD zu geben.
Youtuber wie Rezo leben von Werbeeinnahmen
Durch ihren jungen Markenkern erreichen Youtuber wie Rezo und Dagi Bee eine Zielgruppe, die politische Parteien früher höchstens mit Zeltlagern begeistern konnten. Damals, als Zeltlager noch dufte waren. Auf Youtube folgen ihnen Millionen Fans, was bedeutet, dass sich jedes neue Video wie ein Lauffeuer verbreitet. Vor allem aber hat ihr Publikum eine starke Bindung zu ihnen; sie sind wie der große Bruder oder die große Schwester. Und was die sagen, ist wichtig.
Klar ist aber auch: Youtube, das zum Mutterkonzern Google gehört, ist ein milliardenschweres Unternehmen und Youtuber wie Rezo leben von den Werbeeinnahmen, die Google durch Klicks auf ihre Videos generiert. Hinter praktisch jedem größeren Youtuber stehen daher professionelle Agenturen. In Rezos Fall ist das die Firma Tube One, die zum Kölner Unternehmen Ströer Media gehört (die mit der Plakatwerbung).
Mit „Die Zerstörung der CDU“ ist Rezo jetzt der ganz große Wurf gelungen: Raus aus der Youtube-Blase, rein auf die Titelseiten der größten Tageszeitungen. Das Wort Zerstörung ist übrigens Youtube-Slang und wird dort weit weniger martialisch verstanden. Es steht, wenn man so will, für Angreifen oder Bloßstellen.
Von einem Internet-Fettnapf in den nächsten
Hunderte Stunden Recherchezeit will Rezo in sein Video investiert haben, das er mit einer langen Liste an Quellen unterlegt hat. Die Idee dazu stamme von ihm, kein Unternehmen, keine Institution, keine Partei habe ihre Finger im Spiel gehabt. Tatsächlich scheint es ihm ernst zu sein. „Wenn wir nicht krass was ändern, dann ist die Zukunft der jungen Generation und aller zukünftigen Generationen einfach am Arsch“, warnt er und trifft damit voll den Nerv einer durch Fridays for Future und Urheberrechtsdebatte politisierten Jugend – während die Regierung hilflos von einem Internet-Fettnapf in den nächsten stapft. Weder CDU noch SPD scheinen bisher verstanden zu haben, dass politische Kommunikation heute auf allen Kanälen stattfindet, dass sie schnell ist, personalisiert und oft auch witzig. Und genauso schnell, personalisiert und witzig muss geantwortet werden.
Holt euch Expertise!, möchte man den Parteien zurufen. Zumindest dann, wenn ihr die Deutungshoheit im digitalen Raum nicht kampflos den Influencern auf Youtube und Instagram überlassen wollt.
Als Vorbild in Sachen Youtube könnte ausgerechnet die so oft als angestaubt verspottete ARD dienen. Seit drei Jahren produziert das Erste mit seinem Onlineangebot „Funk“ Inhalte für Social Media und feiert damit – Überraschung! – große Erfolge. Dabei stand die ARD vor einem ganz ähnlichen Dilemma wie die CDU: Kein Jugendlicher interessierte sich für ihr Programm. Heute hat „Funk“ erfolgreiche Youtuber und Internet-Stars. Die Marke strahlt.
Amthor fehlt, na ja, die Coolness
Um wieder zu strahlen, bräuchte die CDU allerdings nicht nur eine Online-Strategie, sondern auch passende Gesichter. Kramp-Karrenbauer – das ist spätestens jetzt klar – scheidet als Internet-Star aus. Jung-Anzugträger Amthor fehlt, na ja, die Coolness.
Und die Kanzlerin? Woche für Woche stellt sich Angela Merkel tapfer vor eine Kamera des Youtube-Kanals der Bundesregierung, faltet die Hände zur Raute und berichtet rund drei Minuten lang über die zentrale Bedeutung der maritimen Wirtschaft und, ja, auch über Klimaschutz. Dabei achtet sie darauf, die Farbe ihrer Blazer zu variieren. Allein: Die Abrufzahlen sind erbärmlich, nur gut 1000 Leute wollten das Video vom vergangenen Wochenende, „Deutschland soll führender KI-Standort werden“, sehen – was wohl niemanden verwundert, der jemals eine Neujahrsansprache der Kanzlerin gesehen hat.
Merkels Vorgänger Gerhard Schröder hat einst proletet, zum Regieren brauche er nur „Bild“, „BamS“ und Glotze – und wurde fortan Medien-Kanzler genannt.
Die Welt hat sich verändert.