Rheinpfalz Migrationsgrund Arbeitslosigkeit
MANNHEIM. Auf einer Deutschlandreise hat Mohamed Moncef Marzouki, von 2011 bis 2014 Staatspräsident der Republik Tunesien, Mannheim gestern einen Besuch abgestattet. Einem Empfang durch Oberbürgermeister Peter Kurz folgte eine Eintragung ins Goldene Buch der Stadt. Bei einem einstündigen Meinungsaustausch schilderte Marzouki die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten in seinem Heimatland, die viele junge Menschen zur Flucht nach Europa bewegen.
Marzouki, drei Jahre Interimspräsident Tunesiens auf dem Weg zu einer neuen, demokratischen Verfassung, unterlag bei der Wahl im November 2014 seinem Herausforderer Beji Caid Essebsi. Bei dem Empfang im Rathaus, an dem auch die Sprecher der drei großen Fraktionen des Gemeinderats teilnahmen, nannte Marzouki als Hauptprobleme des Landes den Terrorismus und die schlechte wirtschaftliche Lage. „In Tunesien gibt es derzeit 300.000 hochqualifizierte junge Leute ohne Job“, sagte er in dem auf Englisch geführten Gespräch. Soziale Probleme und Perspektivlosigkeit seien ein Grund für die Migration. Zwei von zehn Millionen Tunesiern führten ein Leben unterhalb der Armutsgrenze. Kurz wies auf Bestrebungen des Bundes hin, Möglichkeiten der legalen Einwanderung zu schaffen. „Die Einreise als Flüchtling ist nicht das Geeignete“, meinte Kurz. Wie Marzouki sagte, versuche die tunesische Regierung, den Städten mehr Selbstverwaltung zu übertragen. Hier könne Tunesien von Deutschland lernen. Außerdem erkundete er, ob und mit welcher tunesischen Stadt sich Mannheim eine engere Beziehung vorstellen könnte. „Probleme mit Tunesiern gibt es in Mannheim nicht“, sagte der städtische Integrationsbeauftragte Claus Preißler auf Anfrage. Seit längerem lebten in der Stadt rund 600 Tunesier, 57 Prozent seien eingebürgert. „Von den Jungen haben sogar 94 Prozent einen deutschen Pass“, sagte Preißler. Unangenehm aufgefallen durch kleinere Straftaten waren vor kurzer Zeit in der Neckarstadt acht Jugendliche aus Marokko. Inzwischen haben Polizei und Jugendamt die Gruppe jedoch im Griff. Als Zuweisung vom Land gebe es in der Stadt derzeit rund 300 „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, schätzt Preißler. Sie kämen vor allem aus Afghanistan und Syrien, nur wenige aus Nordafrika. (büg)