Rheinpfalz „Lesen, riechen, Eselsohren reinmachen“
«Glanbrücken.» Vermutlich hat in den vergangenen Tagen kein anderer Postzusteller in Rheinland-Pfalz so viele Bücher in seinem Bezirk ausgeliefert wie Kerstin Schäfer. Und keiner hat für so viele freudige und überraschte Gesichter an den Haustüren gesorgt. In St. Julian und Obereisenbach, Rathsweiler und Glanbrücken hat die Deutsche Post Bücher verschenkt – aus Anlass des Welttags des Buches, den Leseratten rund um den Globus heute feiern.
Ein Paket. Zwei Briefe. Das Amtsblatt. „Ach so, noch was: Lest ihr gerne Bücher?“, fragt Kerstin Schäfer die beiden jungen Männer, die gemütlich im Hof sitzend die Post in Empfang genommen haben. „Och, eigentlich nicht so viel. Warum?“, will einer der beiden wissen. Weil ja der Welttag des Buches anstehe, erklärt Schäfer, Teamleiterin bei der Deutschen Post in Kusel. Und weil die Post aus diesem Anlass Bücher verschenke. „Ernsthaft?“ – ja, dann, für seinen Sohn könne er ja gar nicht genug Bücher haben, sagt einer der Männer. Also geht’s dann doch gemeinsam zum gelben Wagen am Straßenrand, in dem etwa zehn Titel zur Auswahl stehen, darunter auch Kinderbücher. Ansonsten wartet ein breites Spektrum auf die Lesefreunde, vom Thriller bis zum Ratgeber von Koch und Moderator Horst Lichter. In jedem Bundesland gebe es nur einen Zusteller, der mit der großen Bücherbox bewaffnet seine Tour unternimmt, berichtet Schäfer. Warum die Zustellleitung ausgerechnet bei ihr angefragt hat? Nun, vielleicht weil in St. Julian, Obereisenbach, Glanbrücken, Rathsweiler – seit mehr als fünf Jahren Kerstin Schäfers Stammbezirk – schon so einiges getestet wurde, wie die 52-Jährige erzählt. Beispielsweise seien in einem dreimonatigen Feldversuch vor einiger Zeit Freiwillige nur noch jeden zweiten Tag beliefert worden, oder hätten ihre Post am Arbeitsplatz zugestellt bekommen. Ergebnisse der Studie gebe es noch keine. „Ich bin eine absolute Leseratte“, sagt eine Frau, die strahlend in der Eingangstüre steht. Das kommt für Kerstin Schäfer gar nicht so überraschend. Denn sie kennt die Menschen in ihrem Bezirk – und so klingelt sie in diesen Tagen nicht nur dort, wo es ohnehin ein Paket abzugeben gilt: Die Buchgeschenke verteilt Schäfer auch an den Häusern, „wo ich weiß, dass die Leute gerne lesen. Oder wo liebe Menschen wohnen, die es vielleicht in jüngster Zeit nicht so einfach hatten und denen man mal eine Freude machen könnte“. Doch auch beim Verschenken muss ab und an Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Nein, eigentlich lesen wir keine Bücher“, sagt eine Frau mit skeptischem Blick. Um am Ende doch ihren Roman in Empfang zu nehmen. „Einige wollen am Anfang gar nicht glauben, dass sie etwas geschenkt bekommen – und nicht etwa irgendeinen Vertrag eingehen“, sagt Schäfer lachend. Wenn’s mal eine Absage gebe, dann meist deshalb, weil die Skepsis überwiege – „nur wenige Leute sagen: ,Bücher brauche ich nicht’“. Klar, die Schwätzchen rund ums gedruckte Wort nehmen ein bisschen Zeit in Anspruch. „Die Tour dauert dadurch schon etwas länger“, schildert Kerstin Schäfer, „aber es macht auch Spaß.“ Schließlich war der Kontakt zu den Menschen ein wichtiger Grund, warum sie vor fast 20 Jahren aus ihrem kaufmännischen Beruf zur Post gewechselt ist. Und die Gespräche, die sich rund um die Bücher entwickeln, bereiten auch der Zustellerin wie den Empfängern Freude. Wenn etwa der zu Beschenkende – während er die angebotenen Titel begutachtet – ins Schwärmen kommt: „Ein Buch lesen, das ist eine Zeremonie – lesen, riechen, Eselsohren reinmachen ...“. Oder wenn sie bei ihrer Tour von einer Mutter angesprochen wird, ob sie denn noch ein Kinderbuch im Repertoire habe; weil die Frau von einer anderen Mutter, die sich schon am Vortag ein Exemplar gesichert hatte, von der Aktion gehört habe. „Es ist schön, dass die Menschen dann auch darüber sprechen“, freut sich Schäfer. Viele Bücherwürmer, das bedeutet auch: zukünftig viel zu tun für die Botin. Denn Büchersendungen machen dank der Internetgroßhändler einen gehörigen Anteil am täglichen Päckchenvolumen aus. Am Ende der Tour sind fast 40 Exemplare an Leseratten gebracht. Eines ist noch übrig. „Ich weiß, wer sich darüber sehr freuen würde“, sagt Schäfer. „Eine Frau, die schwer erkrankt ist.“ Beim ersten Versuch hat Kerstin Schäfer vor verschlossenen Türen gestanden. Also fährt sie nun, nachdem die Post des Tages ausgeliefert ist, nochmal vorbei.