Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Langweiler: Zeitzeugen erinnern sich an Flugzeugabsturz am 13. Oktober 1939

Die historische Aufnahme von 1939 zeigt Soldaten mit dem Flugzeugwrack.
Die historische Aufnahme von 1939 zeigt Soldaten mit dem Flugzeugwrack. REPRO: m. hoffmann

80 Jahre ist es her, dass deutsche Abfangjäger ein britisches Aufklärungsflugzeug über Langweiler abgeschossen haben. Einziger Überlebender war Pilot Harry Day. Kurz vor dem Jahrestag traf die RHEINPFALZ Zeitzeugen.

Meta Glöckner, Emma Arendt-Schneider, Erna Fuhr und Herbert und Martha Theis erinnern sich noch gut an den Flugzeugabsturz unweit der heutigen B 270. Die Geschichte wird lebendig, als sie wenige Tage vor dem 80. Jahrestag im Dorfgemeinschaftshaus bei Kuchen, alten Fotos und Zeitungsausschnitten mit Ortsbürgermeister Roland Edinger zusammenkommen. Vorherrschendes Gefühl der damaligen Kinder war natürlich große Angst. Was die Geschichte jedoch so besonders macht: Der eigentliche Feind wurde in Langweiler wie ein Freund behandelt.

Rückblende: Am 13. Oktober 1939, erst wenige Wochen nach Kriegsbeginn, schossen deutsche Jäger die britische Blenheim ab. Wie Klaus Zimmer in den Westricher Heimatblättern 4/2000 schreibt, war Pilot Day im nordfranzösischen Amy stationiert, wo er den Befehl für zwei Aufklärungsflüge über Deutschland erhielt. Es ging um Informationen über das Straßen- und Eisenbahnnetz. Die Hoffnung, dass sein zweimotoriger Bomber in geschlossener Wolkendecke unbemerkt nach Deutschland eindringen könnte, um gelegentlich unter die Wolken zu tauchen und zu fotografieren, ging jedoch nicht auf. Die Engländer flogen für die deutschen Luftbeobachter gut sichtbar. Über Lauterecken tauchten drei Messerschmitt-Abfangjäger auf und schossen die Air-Force-Maschine ab. Mit Harry Day an Bord waren Eric B. Hillier und Frederick G. Moller. Alle stiegen mit dem Fallschirm aus. Doch nur Day erreichte die Erde lebend.

Meta Glöckner hat die Szene noch gut vor Augen. Sie schildert, wie sie damals als Siebenjährige auf dem Kartoffelacker geholfen hat. „Dann hat meine Mutter gerufen, ich solle Brot holen gehen“, berichtet sie. Auf dem Weg zur Bäckerei habe sie die Flugzeuge und das Knattern der Jäger gehört. „Dann sah ich eine Stichflamme und Rauchfahnen“, schildert Glöckner. Das Flugzeug sei bewusst etwas außerhalb des Dorfes abgeschossen worden. Auch Emma Arendt-Schneider erinnert sich gut: Die damals Elfjährige war an diesem Nachmittag an den Bohnenstöcken zu Gange. „Ich wartete auf meinen Vater. Als er nicht kam, bin ich heim, um nachzuschauen.“ Da habe sie gesehen, wie vor dem Hause Spielmann viele Leute standen. Unter ihnen auch der Pilot mit verbundenem Kopf.

Per Handschlag begrüßt

Bauern hatten Day geholfen, der Verbrennungen im Gesicht erlitten hatte. Der erste Mann, der ihn erreichte, war nach den Aufzeichnungen von Days Biografen Förster Walter Becker. Als Day „Engländer“ murmelte, habe er gegrinst, ihm die Hand entgegengestreckt und diese warmherzig geschüttelt. Medizinisch betreut wurde Day von dem aus Einöllen stammenden Arzt Hermann Gauch. Im Acker, der etwa 150 bis 200 Meter entfernt von der Absturzstelle war, habe man später zahlreiche Flugzeugteile gefunden, schildern die Zeitzeugen.

Auch Herbert Theis half damals im Kartoffelfeld. „Wir haben die Flugzeuge gehört und dann das Schießen“, schildert der damals Elfjährige. Gesehen habe er zwei Flugzeuge. Und wie Trümmerteile auf den Boden flogen. Theis: „Wir hatten Angst. Dann sind wir den Berg hochgelaufen.“ Und Ehefrau Martha fügt hinzu: „Ich wollte am liebsten in den Bunker“, die Angst sei groß gewesen. Sie habe den Abschuss vom Kartoffelacker aus verfolgt und gesehen, wie die Maschine auseinanderbrach.

Von zu Hause verfolgte Erna Fuhr den historischen Moment: „Meine Mutter war mit den Nachbarn im Kartoffelacker. Ich war mit meinen drei kleinen Geschwistern zu Hause und habe dem Baby gerade das Fläschchen gegeben, als ich es schießen hörte“, berichtet sie. Anschließend habe sie beobachtet, wie der Pilot mit dem Fallschirm herunterkam.

„Als wir von den beiden Toten gehört haben, hat mir das furchtbar leidgetan“, sagt Meta Glöckner. Im Spielmann-Hof habe der Pritschenwagen mit den Leichen gestanden. Dort habe sich der „Käpt'n“, wie Day in Langweiler genannt wird, von seinen Kameraden verabschiedet. Für die Kinder sei es schlimm gewesen, zu Kriegsanfang gleich mit so etwas konfrontiert zu werden, berichtet Theis. Es habe große Aufregung im Dorf geherrscht, erinnert er sich.

Als Freunde wiedergetroffen

Später trafen sich die ehemaligen Kriegsgegner als Freunde wieder. „1966 waren schon einmal Leute aus England hier“, weiß Glöckner. Der Flugzeugabschuss von Langweiler bot Day-Biograf Sydney Smith Stoff für das Buch „Wings Day“. Der Pilot selbst sei zum 30. Jahrestag 1969 wieder nach Langweiler gekommen – als Freund und aus Dankbarkeit. „Er hat mir ein englisches Wörterbuch geschenkt“, berichtet Glöckner.

Weitere Gelegenheit, den „Käpt'n“ wiederzusehen, gab es 1971 bei einem von ihm initiierten Treffen. Da sagte Day bei einer Feierstunde: „Als ich am 13. Oktober 1939 unfreiwillig vom Himmel in ihr Land fiel, hatte ich zwar damit gerechnet, korrekt behandelt zu werden, aber doch mehr mit militärischer Strenge als mit freundschaftlicher Wärme. Ich habe damals nicht gewusst, wie stark der Geist deutscher Ritterlichkeit ausgeprägt war.“ Zur Erinnerung an die „große Freundlichkeit gegenüber einem ehemaligen Feind und die menschliche Behandlung“ überreichte der Pilot einen Schmuck-Teller, der heute das Dorfgemeinschaftshaus ziert.

Zur Sache: Ranghöchster Gefangener

Oberstleutnant Harry Melville Arbuthnot Day galt lange Jahre als ranghöchster britischer Gefangener. Er avancierte während seiner sechsjährigen Gefangenschaft zu einer Art „Ausbrecherkönig“: Insgesamt achtmal floh er mit raffinierten Tricks aus schwer bewachten Gefängnissen, sogar aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen. So war Day auch an dem spektakulären Massenausbruch von 83 Gefangenen aus dem niederschlesischen Lager Sagan am 29. März 1944 beteiligt, der später mit Steve McQueen in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Der Pilot der Royal Air Force, der den Spitznamen „Wings“ (Flügel) trug, wurde nach Kriegsende 1945 in seiner Heimat als Held verehrt und ausgezeichnet. Mehrfach besuchte er in den 1970er Jahren Langweiler. Am 11. März 1977 starb Harry Day im Alter von 79 Jahren auf Malta. Sein Nachlass befindet sich im Royal Air Force Museum im englischen Hendon. Die Abenteuer des Kriegspiloten schildert Sydney Smith in dem Buch „Wings Day“.

Der Absturz von Langweiler beschäftigte in den 1970er Jahren auch ZDF und BBC, die unter dem Titel „Der Abschusstag“ einen Film produzierten.

Erinnern sich noch an den Flugzeugabsturz (von rechts): Herbert Theis, Martha Theis, Meta Klöckner, Erna Fuhr und Emma Ahrens-Sc
Erinnern sich noch an den Flugzeugabsturz (von rechts): Herbert Theis, Martha Theis, Meta Klöckner, Erna Fuhr und Emma Ahrens-Schneider. Foto: m. hoffmann
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