Rheinpfalz Kreuzchen statt vieler Worte

In zwei Tagen ist es wieder soweit: Am letzten Schultag vor den Sommerferien erhalten die Grundschüler in Rheinland-Pfalz ihre Jahreszeugnisse. Doch in diesem Schuljahr gleicht kein Zeugnis mehr dem anderen. Die Standards zur Ausfertigung wurden vom Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz erweitert. Ab diesem Schuljahr haben die Lehrer an Grundschulen die Möglichkeit, die Schüler der dritten und vierten Klassen zusätzlich zu den vergebenen Noten entweder verbal, also in einem schriftlichen Wortlaut, oder mit „Könnensprofilen“ zu bewerten. Die Klassenlehrer können in vier Bewertungsstufen – von „Das kannst du sehr sicher“ bis „Das musst du noch lernen“ – die Leistungen der Schüler beurteilen. So können etwa im Fach Deutsch Leseverstehen oder Schreibvermögen eingeschätzt werden. Doch nicht alle Grundschulen entscheiden sich sofort dafür, die neue Kreuzchenvariante einzuführen, die laut Ministerium zu einer großen Zeitersparnis bei der Zeugnisausstellung führen soll. Rektor Andreas Rapp und sein Kollegium an der Ganztagsgrundschule haben den Start des neuen Zeugnisses mit Könnensprofilen auf das nächste Schuljahr verschoben. „Wir haben uns für die diesjährigen Jahres- und Abschlusszeugnisse noch nicht auf Profile festgelegt“, sagt Rapp. Grund dafür sei das enge Zeitfenster zur Umsetzung gewesen, denn die Verordnung wurde erst im April dieses Jahres vom Bildungsministerium erlassen. „Eine umfangreiche Ausarbeitung mit allen Kollegen ist in dieser kurzen Zeit nicht machbar.“ Rapps Kollegium habe schon für die Halbjahresbewertung mit Protokollbögen gearbeitet, sei aber unzufrieden damit. Das Hauptproblem sieht der Rektor in den unterschiedlichen Abstufungen zwischen Noten und Könnensprofilen: „Das Notensystem besteht aus sechs Schulnoten. Die Profile haben aber nur vier Kategorien. Das Umdenken, welche Kategorien zu welchen Noten passen, ist für Lehrer und Eltern schwer“, sagt Rapp. Auch die Anpassung der Profile an die Kompetenzen der Kinder sei nicht ohne weiteres zu machen. „Außerdem wird es ein Problem sein, dass kein Zeugnis mehr mit dem anderen zu vergleichen ist, denn jede Schule kann ihre Könnensprofile je nach eigener Schwerpunktsetzung individuell festlegen.“ Was Rapp weitere Bedenken bereitet, ist der größere Umfang. „Es gibt Schulen mit Zeugnissen mit vier Seiten und mehr. Das ist keine Erleichterung. Im Gegenteil, man kann sich sehr leicht verzetteln.“ Und was bedeutet das neue System für die Eltern? Rapp glaubt, weil die Eltern Vergleichbarkeit suchen, werden sie verstärkt die Kreuzchen bei den beiden positiven Kategorien zählen. Sind zu wenige „Das kannst du sehr sicher“, dafür aber viele „Das musst du noch lernen“ zu finden, kann das zu langen Gesprächen und Diskussionen mit den Klassenlehrern führen. „Die gibt es ja schon bei den Protokollbögen zum Halbjahr“, sieht sich Rapp bestätigt. „Wo liegt denn die Grenze zwischen ’sehr sicher’ und ’sicher’?“, fragt Rapp. Auch das Argument, der Arbeitsaufwand würde sich reduzieren, kann er nur teilweise gelten lassen. „Für mich als Rektor schon, denn ich muss nicht mehr Hunderte Texte lesen. Aber wenn die Lehrer gewissenhaft die Profile bearbeiten, dauert das genauso lange, wie einen Text zu jedem Kind zu schreiben.“ Das bestätigt auch Lehrerin und Kollegin Lena Klug. „Ob es wirklich eine Erleichterung ist, da bin ich skeptisch. Bei den Ankreuzbögen zum Halbjahr sitzt man schon lange.“ Einen Vorteil sieht Klug aber doch. „Die Texte sind den Kindern egal, sie schauen meist nur auf die Noten.“ Mit den Profilen könnte für die Schüler die Bewertung verständlicher sein. Die Dritt- und Viertklässler der Grundschule erhalten bereits zum Abschluss dieses Schuljahres ein Zeugnis mit den neuen Könnensprofilen. „Die Kollegen haben darauf gehofft und schon alles vorbereitet“, sagt Rektorin Marianne Schanzenbach. In Teamsitzungen habe das Kollegium die Profile für die Klassenstufen abgestimmt. „Die Lehrer sind sehr zufrieden mit den neuen Profilen“, sagt Schanzenbach. Obwohl die Rektorin selbst die Gefahr sieht, dass die Kinder in den frei geschriebenen Texten auch individueller bewertet werden könnten als in vorgegebenen Kategorien, sehe das Kollegium keine Verschlechterung. Die Rektorin räumt ein, weder mit den Verbaltexten noch mit den Profilen könne ein Kind zu 100 Prozent beschrieben werden, das sei „utopisch“. „Der Vorteil der Profile ist, sie sind klarer als verbale Texte, denn die Formulierungen können missverständlich sein, manches verschleiern“, weiß Schanzenbach. Auch ein Ausufern auf vier oder fünf Seiten der Zeugnisse will Schanzenbach verhindern: Nur zweieinhalb Seiten groß sind die Jahresbewertungen. Größeres Gewicht rechnet die Rektorin den Halbjahreszeugnissen zu, bei denen die Lehrer mit Eltern protokollierte Einzelgespräche führen. „Das Gespräch ist wichtig. Liegt etwas im Argen, kann man da schon fördern und viel verhindern.“ Ob mit Worten oder Kreuzchen – für Lehrer und Rektoren gilt: „Ein Zeugnis soll kein Verurteilen der Schüler sein“, sagt Schanzenbach.