Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Hitzestress in der Ackerfurche: Der harte Job der Saisonarbeiter

... die Sonne, in der heißesten Woche des Jahres über einem der Rucola-Felder von Landwirt Walter Schmitt aus Assenheim. Gegen M
…die Sonne in der heißesten Woche des Jahres über einem der Rucola-Felder von Landwirt Walter Schmitt aus Assenheim. Gegen Mittag ist Schluss mit der Arbeit im Freien, der Hitze wegen – dann packen die polnischen Erntehelfer in der Halle Ware.

Erntehelfer ist ein anstrengender Job – und die Rekordtemperaturen machen ihn nicht einfacher. Wir waren am heißesten Tag des Jahres mit einer Gruppe polnischer Saisonarbeiter auf dem Acker bei Gönnheim. Sie gehören einer kleiner werdenden Gruppe an – weil viele Helfer inzwischen woandersher kommen.

Nein“, sagt Beata Theus streng, „nein.“ Keine Ahnung, was schiefgelaufen ist, eigentlich macht man alles so wie das gute Dutzend anderer Erntehelfer auf dem Acker auch, tendenziell jedenfalls: Rucola-Büschel am Schopf packen, bodennah mit dem Messer abschneiden, zum Bündel zusammenfassen, zehn gehen in die Kiste. „Nein“, sagt Beata Theus, „nein.“ Zwei Möglichkeiten: Beata Theus sagt einfach gerne „Nein“. Oder der Reporter ist beim probeweisen Ernten von Rucola schlicht unfähig. Deutet man den Gesichtsausdruck von Walter Schmitt richtig, dann dürfte Variante zwei zutreffen. „Den kannst du mit nach Hause nehmen, als Souvenir“, sagt Schmitt, Landwirt aus Assenheim. Um’s mit Beata Theus zu sagen: Nein. Ein Büschel Grünzeug ist kein adäquater Ausgleich für verletzten Stolz. Donnerstagmorgen kurz vor halb sieben Uhr auf einem Acker beim vorderpfälzischen Gönnheim. 23 Grad hat das Autothermometer bei der Anfahrt angezeigt, es wird dies der heißeste Tag werden, der jemals in Deutschland verzeichnet wurde, 42,6 Grad im Emsland. Es gibt Berufe, bei denen man sich bei diesem Wetter in klimatisierte Büros zurückziehen kann. Zeitungsjournalisten und Erntehelfer gehören nicht dazu, und deshalb, in der existenziellen Solidarität derer, die schwitzen, schaut man an diesem Hitzewellen-Donnerstag auf dem Acker von Walter Schmitt vorbei, um zu schauen, wie’s auf dem Felde zu Zeiten der Hitzewelle so läuft.

20 Prozent weniger Ertrag wegen Hitze

Auf den Schweiß bezogen: Noch nicht in Sturzbächen. Das momentan bearbeitete Feld ist ziemlich frisch bewässert, auf Nachbarparzellen laufen die Bewässerungsanlagen, das fächelt ein wenig Kühle auf den Acker. Angefangen hat die Kolonne heute um 6 Uhr, sagt Vorarbeiter Tadeusz Straszewski, um 12 wird man eine Pause machen – und anschließend erst mal in der Halle Ware packen, „zu heiß“ fürs Feld, sagt er. Vielleicht steht gegen 20 Uhr noch eine Abendschicht an, und wenn man die hinter sich hat, dann weiß man mutmaßlich, was man gemacht hat. Die Pause am Nachmittag kommt nicht nur den Erntehelfern zugute: Erntet man den Rucola in der prallen Mittagshitze, dann leidet auch die Qualität: „Über 35 Grad sind nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Pflanzen Mordsstress“, sagt Schmitt, der um die 120 Hektar beackert, auf 80 davon Rucola anbaut. Mit um die 20 Prozent weniger Ertrag rechnet er in diesem Hitzesommer. Und Vorarbeiter Straszewski wird später von einem Nachbarfeld noch eine Pflanze vorbeibringen, die belegt, warum die Hitze für Landwirte und Erntehelfer auch den Termindruck verstärkt: Kleine gelbe Blüte auf grünem Stängel. „Rucola schießt ruck-zuck in die Blüte, wenn’s zu heiß ist“, sagt Schmitt. Die Blätter werden dann zunehmend bitter und das Gewächs unverkäuflich.

Recruiting läuft über persönliche Kontakte

Straszewski arbeitet seit 30 Jahren auf dem Schmitt’schen Hof, in knapp 14 Tagen wird er erst mal nach Polen zurückfahren, zu seiner Gattin und seinem Haus in Chojnice, etwa 100 Kilometer südwestlich von Danzig. Der 61-Jährige, der vorneweg zehn Jahre jünger aussieht, vermittelt Landwirt Schmitt auch neue Arbeitskräfte, das Recruiting läuft auf dem Assenheimer Hof über persönliche Kontakte. Neuen Erntehelfern sagt Straszewski: „Langsam anfangen und mit den Fingern aufpassen.“ Die ersten zwei Wochen dürften für Neulinge trotzdem so was wie eine Vorhölle aus Löß sein. Patricia, Studentin des Fachs „Health & Security“, haben jedenfalls zunächst mal Arme und Beine wehgetan, „Schmerzen“ sagt sie, grinsend. Man scheint sich daran zu gewöhnen: Die junge Frau ist zum dritten Mal in ihren Semesterferien in die Vorderpfalz gekommen.

Gros der Erntehelfer kommt aus Rumänien

Die Erntehelfer leben auf dem Schmitt’schen Hof, teilweise in Containern, teilweise in abgeteilten Kabinen in der Halle. Das Klischee vom Saisonarbeiter, der da einige Monate im Jahr ein weitgehend abgeschottetes Leben lebt, es stimmt wohl wenigstens für den Assenheimer Hof nicht so ganz, das lässt sich beim Besuch erahnen: Man war gemeinsam auf dem örtlichen Handkeesfescht, Patricias Vater lebt in Deutschland, sie besucht ihn gelegentlich. Teilweise will man vielleicht auch unter sich bleiben: Tomek Theus, der Gatte von Beata und auch schon seit 18 Jahren regelmäßig in Assenheim, passt dabei ein wenig auf seine Landsleute auf, „auf 16 Frauen“, wie er sagt. Gegen den Job ist Rucola wahrscheinlich ein Osterspaziergang. Die zurzeit 25 Saisonarbeiter, die Schmitt beschäftigt, zu Spitzenzeiten sind es über 50, stammen allesamt aus Polen – was eines der Dinge ist, die seinen Betrieb zu einem eher ungewöhnlichen machen. Gerade in den Großbetrieben stammt inzwischen das Gros der Erntehelfer aus Rumänien, Polen arbeiten dort oft nur noch als Vorarbeiter. Hat mit der anziehenden Konjunktur im östlichen Nachbarland zu tun: In Polen selbst wird Arbeitskraft auf dem Acker zeitweise knapp, dort arbeiten inzwischen viele Helfer aus der Ukraine.

Produktionsbedingungen schwierig

Schmitts Mitarbeiter sind alle sozialversicherungspflichtig beschäftigt, auch nicht selbstverständlich: Wer nur 70 Kalendertage oder drei Monate auf deutschen Äckern arbeitet, für den entfällt eigentlich die Versicherungspflicht. Und: Auf Schmitts Äckern („Neff-Schmitt GbR“) wird kein Akkord gearbeitet, hat er auch noch nie gemacht, nimmt natürlich einigen Arbeitsdruck weg. Es gebe viele kleine und mittlere Betriebe, die das noch so handhaben wie er, meint Schmitt: Überschaubare Zahl an Mitarbeitern, fast familiäre Atmosphäre. Und es gibt auch in der Vorderpfalz Gemüsebaubetriebe, die mehrere Hundert Saisonarbeiter beschäftigen und in ganz großem Stil produzieren, der Einzelhandel gibt den Kostendruck nach unten weiter. Spätestens an der Kasse interessieren sich viele Verbraucher wohl kaum noch für die Produktionsbedingungen: Speziell die Situation von Erntehelfern in Spanien und Süditalien war in den letzten Jahren Gegenstand von Kritik, Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus Osteuropa sollen dort teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten.

Anwerbung wird immer schwerer

Einfacher ist die Anwerbung von Hilfskräften wohl insgesamt nicht geworden: Die Zahl der im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigten Saisonarbeiter in Deutschland lag 2018 laut Statistischem Bundesamt bei rund 285.000 – Tendenz seit Jahren stetig fallend. Schwierigkeiten bei der Anwerbung und Kostendruck zwingen da wohl zu neuen Lösungsansätzen – und auf Schmitts Gönnheimer Acker liegt die Zukunft direkt auf der Nachbarzeile. Statt in Reihe sind die Rucola-Pflänzchen dort in Streusaat ausgebracht, wachsen dicht an dicht – und können mit Maschinen geerntet werden. Der Apparat kann das dann wahrscheinlich auch besser als Reporter, die in aller Hybris denken, sie könnten einfach mal so und ohne jegliche Vorkenntnis Rauke weghauen. Wobei: Es juckt schon in den Fingern, einen neuen Anlauf zu nehmen. Beata Theus guckt allerdings schon wieder kritisch, wenn auch in die andere Richtung. Gleichwohl: Nein.

x