Rheinpfalz Hilfe zur Selbsthilfe
HAUENSTEIN. In Hauenstein kümmert sich die „Aktion Flüchtlingshilfe“ ehrenamtlich um die rund 150 Flüchtlinge, die in der Verbandsgemeinde leben. Der 49-jährige Michael Johann koordiniert die Arbeit der zahlreichen Helfer maßgeblich.
Die „Aktion Flüchtlingshilfe Hauenstein“ ist eine Bürgerinitiative, unter deren Dach sich rund 40 Ehrenamtliche engagieren. Wir sind zwar kein Verein und wollen es auch nicht sein. Dennoch haben sich Strukturen ausgebildet, es gibt Ansprechpartner für verschiedene Bereiche. Für die Verwaltung von Spenden haben wir ein fünfköpfiges Gremium gebildet. Absprachen über Organisatorisches werden beim Runden Tisch getroffen, der einmal im Monat stattfindet. Welche Ebenen werden von den Ehrenamtlichen bearbeitet? Wir organisieren Sprachkurse, für die Sigrid Becker, Traudel Debnar, Regina Stöbener und andere Ansprechpartner sind. Hier sind wir wegen des unterschiedlichen Leistungsstandes der Teilnehmer für die Hilfe weiterer Ehrenamtlicher sehr dankbar. Alle 14 Tage findet das „Café der Freundschaft“ statt, das Christiane Wilmes initiiert hat. Und wir helfen Flüchtlingen auch individuell, beispielsweise bei Behördengängen. Die meisten der Ehrenamtlichen engagieren sich darüber hinaus bei der Betreuung einzelner Flüchtlingsfamilien oder –gruppen. Das ist eine spannende Tätigkeit, weil sie uns mit interessanten Menschen aus anderen Kulturen in Kontakt bringt, woraus sich schon manche freundschaftliche Beziehung entwickelt hat. Hier kann man auch einen persönlichen Nutzen ziehen, sei es im Hinblick auf „kulinarische“ Besonderheiten, auf Einblicke in eine fremde Sprache und Kultur oder einfach durch gemeinsame Unternehmungen und zwischenmenschliches Gespräch. Wie werden sprachliche Probleme angegangen? Wir haben in Hauenstein drei syrische Familien, die als sogenannte Kontingent-Flüchtlinge vor anderthalb Jahren kamen und sofort anerkannt wurden und über die unlängst die SWR-Landesschau berichtet hat. Sie haben Integrations- und Sprachkurse hinter sich und können heute bei Sprachproblemen mit neu ankommenden Flüchtlingen aus Syrien helfen. Bei Sprachproblemen mit Menschen aus Eritrea haben wir Zion Melak, die schon vor 36 Jahren aus Eritrea nach Deutschland kam und heute in Wilgartswiesen lebt. Und dann können viele Flüchtlinge zumindest ein wenig Englisch, manche sogar fließend. Welche Inhalte werden in dem derzeit laufenden Fortbildungsangebot für die ehrenamtlichen Helfer behandelt? Diakonie und Caritas bieten an vier bis fünf Abenden eine Schulung für ehrenamtliche Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe an. Es geht dabei zum Beispiel um rechtliche Rahmenbedingungen oder den Umgang mit kulturellen Eigenarten etwa hinsichtlich Kleidung oder Ernährung. Was diese Weiterbildung darüber hinaus wertvoll macht, ist, dass man sich mit professionellen, erfahrenen Beratern austauschen kann. Gibt es gegenüber den Ehrenamtlichen auch Anfeindungen? Anfeindungen sind mir nicht bekannt. Aber nicht jeder findet gut, was wir tun. Haben Sie auch mit „problematischen“ Flüchtlingen zu tun? Das hängt davon ab, was man als Problem ansieht. Manchmal beschweren sich Anwohner schon über Nichtigkeiten, etwa dass die ganze Nacht das Toilettenlicht an war. Wirklich problematische Flüchtlinge haben wir zum Glück nicht. Schwierigkeiten kommen im Zusammenleben jedoch immer mal wieder vor. Zurzeit fällt ein Flüchtling etwas auf – ein Einzelfall unter insgesamt rund 150 in der Verbandsgemeinde. Über ihn hat es wiederholt Klagen von Mitbewohnern und anderen gegeben. Aber immer, wenn ich bei dieser Wohngemeinschaft zu Gast bin, verstehen sich alle bestens. Mittlerweile konnte die Verwaltung eine andere Wohnung für ihn finden. Wir bleiben aber weiter im Gespräch mit allen Beteiligten in der Hoffnung, mögliche Differenzen damit beheben zu können. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Verwaltung? Die Verwaltung vor Ort war wie alle Verwaltungen in Deutschland durch die plötzliche große Zahl an Flüchtlingen überfordert. Mit unseren Wünschen und Forderungen sind wir dann verständlicherweise oft angeeckt. Mittlerweile wurde in Hauenstein aber eine neue Stelle mit einem neuen Mitarbeiter besetzt. Generell wäre angesichts der aktuellen krisenhaften Situation in Deutschland und Europa mehr Flexibilität seitens jeder Verwaltung erforderlich. Wenn man jetzt auf Verordnungen beharrt, die darauf ausgelegt waren, dass unsere Bevölkerung schrumpft, dann fährt man die Karre gegen die Wand. Als Beispiel möchte ich die Situation von jungen Erwachsenen anführen, die laut Papieren nicht mehr schulpflichtig sind, andererseits aber zu jung sind, um Berufserfahrung zu haben. Sie könnte man durchaus noch in allgemeinbildenden Schulen oder in geeigneten Klassen der Berufsschulen eingliedern. Entsprechende Ansätze wurden aber durchweg mit dem Verweis auf das Überschreiten des Schulpflicht-Alters abgewiesen. Gerade kürzlich wurde sogar einem Jugendlichen der Schulbesuch verweigert, weil er nur noch ein halbes Jahr schulpflichtig ist. Wohin soll das führen? Wie ist die Wohnungssituation? Die Wohnsituation in der VG Hauenstein ist im Allgemeinen gut. Die Flüchtlinge können meist in Familien oder ethnischen Gruppen zusammenwohnen – die allermeisten in Hauenstein selbst, wo die Infrastruktur – Geschäfte, Ärzte, Banken – besser ist als in den umliegenden Ortschaften. Sie sind über den Ort verteilt in privaten Wohnungen untergebracht, was eine Integration leichter macht als eine konzentrierte Unterbringung in Heimen. Zwar gibt es in manchen Räumen etwas Probleme mit Feuchtigkeit, aber nach unseren Messungen noch in zumutbarem Umfang. Auch über die Ausstattung der Wohnungen gibt es dank der vielen Sachspenden nichts zu klagen. Natürlich sind die Wohnverhältnisse nach deutschen Maßstäben bescheiden. Aber die Flüchtlinge sind doch dankbar dafür. Hier leistet unsere Verwaltung gute Arbeit. Wo könnte mehr Hilfe geleistet werden? Wo sind Grenzen der Hilfe? Hilfe sollte immer unter dem Aspekt der Hilfe zur Selbsthilfe gesehen werden. Wir brauchen Flüchtlingen keine teuren Geschenke zu machen. Sie müssen lernen, mit dem Geld auszukommen, das ihnen zur Verfügung steht – wie jeder von uns. Bedarf an Hilfe besteht noch im Bereich der Sprachförderung. Manche Flüchtlinge wünschen sich mehr Kontakt zu Deutschen, um das Sprechen zu üben. Das „Café der Freundschaft“ bietet sich hier an, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Außerdem besteht Bedarf an Berufspraktika. Da gibt es Hemmungen sowohl auf Seiten der Flüchtlinge, die es sich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht zutrauen, als auch auf Seiten der Arbeitgeber, weil sie den Verwaltungsaufwand nicht abschätzen können. Hier könnten wir von der Flüchtlingshilfe zumindest vermittelnd helfen. Interview: Franz-Josef Schächter