Rheinpfalz Hauptangeklagter im Landauer Drogen-Prozess bricht sein Schweigen

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Landau. Der Hauptangeklagte im Landauer „Chemical love“-Prozess hat gestern gestanden, dass er tatsächlich beim Internet-Drogenhandel mitgemacht hat. Er bestreitet aber, der als „z100“ bekannt gewordene Chef der Bande zu sein. Wer der Ober-Dealer dann war, weiß der 30-Jährige angeblich selbst nicht. Doch er behauptet: Der mysteriöse Unbekannte könnte in weitere Internet-Verbrechen verstrickt sein.

Gerade hatte er im Badezimmer einen 20-Euro-Schein zusammengerollt: Der Mann aus dem Raum Stuttgart wollte sich eine Portion des frisch aus Rotterdam angelieferten Kokains durch die Nase ziehen. Doch auf einmal stürmt die Polizei in das Rülzheimer Haus, im Keller entdecken die Beamten ein gigantisches Rauschgiftlager. Mittlerweile steht der 30-Jährige deshalb in Landau vor Gericht, er gilt als Chef der Rauschgift-Bestellseite „Chemical love“. Ermittler haben detailliert rekonstruiert, wie er spätestens ab 2015 den Drogenversand organisierte. Und sich immer wieder in die Niederlande fahren ließ, um dort neue Ware zu ordern. Doch seit seiner Festnahme im vergangenen April schwieg er eisern, erst gestern hat er zum ersten Mal über seine Rolle gesprochen – und eingestanden, dass die Staatsanwaltschaft mit ihrer Anklage gegen ihn weitgehend recht hat. In einem Punkt allerdings lässt er seinen Verteidiger den Ermittlern widersprechen: Er bestreitet, der „Chemical love“-Boss gewesen zu sein. Doch wer stattdessen der in Bestellerkreisen berühmt geworden „z100“ gewesen sein soll, lässt der 30-Jährige offen. Er wisse es selbst nicht, habe aber einen Verdacht: Der Ober-Dealer könnte auch unter dem Pseudonym „sync“ aufgetreten sein. Damit wäre er zugleich der Chef der Internet-Plattform „Crimenetwork.biz“ gewesen. Dieses Forum brachte in Makler-Manier seine Nutzer für illegale Geschäfte zusammen: Sie handelten dort zum Beispiel mit Drogen, Waffen, falschen Ausweisen, gestohlenen Kreditkarten und Spionage-Programmen für Computer. Spekulationen über eine Verbindung zwischen den beiden Seiten gibt es schon länger, schließlich konnten die Kunden bei „Crimenetwork.biz“ zeitweise ausschließlich „Chemical love“-Drogen bestellen. Außerdem verschwanden beide Adressen ungefähr gleichzeitig aus dem Netz. Mittlerweile ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft gegen elf mutmaßliche Betreiber von „Crimenetwork.biz“ (wir berichteten gestern), doch wer „sync“ war, hat sie bislang noch nicht herausgefunden. Und auch die zwei Mitangeklagten im Landauer Prozess bringen kein Licht in dieses Dunkel. Einer der beiden hat zwar bei der Polizei geredet, doch im Prozess schweigt er vorerst wieder. Denn angeblich ist er im Gefängnis bedroht worden. Dafür hat sein Bruder – der Lagerverwalter und Mieter der Wohnung über dem Rülzheimer Drogenkeller – gestern ein ausführliches Geständnis abgelegt. Und berichtet: Anweisungen seien ausschließlich von dem 30-Jährigen gekommen. Allerdings habe der ihnen gelegentlich mit einem mysteriösen „Gino“ gedroht. Doch er und sein Bruder hätten vermutet, dass es diesen Oberboss gar nicht gibt. Auch die Justiz hat dem Hauptangeklagten schon einmal bescheinigt, dass er sich mit einer verrückten Fantasie-Geschichte Ärger ersparen wollte. 2013 musste er seinen Führerschein abgeben und eine Geldstrafe von 2250 Euro bezahlen, weil er mit 1,8 Promille und im Drogenrausch mit seinem Porsche über eine Verkehrsinsel gerumpelt war, dabei ein Schild umgeknickt hatte und danach weitergefahren war. Der Polizei hatte er wenig später erzählt, dass seine Freundin den Luxuswagen gesteuert habe. Aber den Unfall habe die Frau auch nur gebaut, weil sie drei geheimnisvolle Unbekannte in einer dicken Limousine verfolgt und von der Straße gerammt hätten.

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