Rheinpfalz Glaube, der unter die Haut geht

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Wassim Razzouk betreibt ein Tattoo-Geschäft in Jerusalem wie vor ihm sein Vater. Und Großvater. Und Urgroßvater. Als koptischer Christ trägt er seit Kindesbeinen selbst ein kleines Kreuz am Handgelenk.

An hohen Feiertagen wie Pfingsten haben die Razzouks Hochsaison. Seit Jahrhunderten tätowiert die koptische Familie in Jerusalem christliche Motive auf die Haut zumeist von Pilgern, Touristen und Einheimischen. Und so soll es bleiben.

Die Pastorenfamilie Harder aus den USA hat sich ihre unvergänglichen Souvenirs aus dem Heiligen Land gerade reisefertig einpacken lassen: Vater Paul trägt sein Mitbringsel am rechten Handgelenk, Mutter Nelly am rechten Oberarm, Tochter Hannah auf dem rechten Unterarm. Die Stellen sind markiert mit kleinen weißen Verbänden – alle drei haben sich gerade tätowieren lassen. Ein Pastor mit Tattoo? „Ja, früher dachte ich auch, dass das nur was für Häftlinge oder Seefahrer ist“, sagt der 51-jährige Pastor Harder, der nun ein kleines Kreuz an einer Stelle trägt, die jedem Mitglied seiner lutheranischen Gemeinde in den USA sofort auffallen wird. Heutzutage, sagt er, sei ein Tattoo doch gar nichts Ausgefallenes mehr: „Aber ich hätte auch kein anderes Motiv gewählt.“ Das Kreuz ist für ihn Ausdruck seines Glaubens: „Und ich hätte es an keinem anderen Ort machen lassen außer hier.“ Hier, das heißt bei Wassim Razzouk, einem Tätowiermeister, der sein Studio in einer ruhigen Gasse in Jerusalems Altstadt hat, keine fünf Minuten vom belebten Jaffator entfernt. Das kleine Studio befindet sich in einem alten Gebäude mit Steingemäuer. Wassim, 44 Jahre alt, trägt auf dem linken Arm Dutzende Tattoos und auf dem Kopf schwarze, kinnlange Haare, die er immer wieder lässig nach hinten wirft. Vor der Ladentür steht seine Harley Davidson, im Studio läuft Clubmusik. Doch das hier ist tatsächlich ein Laden mit Tradition, die jahrhundertealt ist. Vater Anton, der mit seiner Frau auf Stühlen vor der Tür sitzt, kann einiges darüber erzählen. „Wir sind ein uralter Familienbetrieb. Generationen vor uns in Ägypten haben schon tätowiert“, sagt Anton, ein 78-jähriger, freundlicher Mann mit Halbglatze. Er trägt ein feines Hemd und eine dunkle Hose mit Bügelfalte. Seine christlichen Vorfahren stammten aus Ägypten. „Dann kam einer meiner Urgroßväter vor mehr als 500 Jahren nach Jerusalem, als Pilger. Aber er wollte nicht mehr weg. Und so arbeitete er hier, in Jerusalems Altstadt, als Tätowierer“, erzählt Anton. Er selbst trägt ein Kreuz auf dem rechten Oberarm, das ihm sein Vater gestochen hat, als er acht Jahre alt war. Die Tradition, auch schon Kinder zu tätowieren, entstand wohl tatsächlich in Ägypten, so erzählt es Vater Markos von der koptischen Gemeinde in Jerusalem. Auch der Christ Markos ist in Ägypten geboren und aufgewachsen und kam erst vor zwei Jahren nach Jerusalem. Auch er trägt ein Kreuz, seit er drei Jahre alt ist, eintätowiert am rechten Handgelenk: „Die Tradition entstand in einer Zeit, in der die Christen besonders diskriminiert und ausgegrenzt wurden. Sie wurden gezwungen, schwere Kreuze auf ihren Schultern mit sich herumzutragen, so schwer, dass die Schultern davon blau anliefen. So werden Kopten bis heute Blauknochen genannt.“ Doch die Kopten, so erzählt Vater Markos, wollten sich nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil: Sie wollten ihren Glauben nach außen tragen, deutlich und nicht zu leugnen. Und so tätowierten sie sich und ihren Kindern auf das rechte Handgelenk ein Kreuz. Daraus wurde ein Handwerk, dass die Razzouks in Jerusalem bis heute weiterführen. „80 Prozent unserer Kunden sind Pilger aus aller Welt. Aber wir haben auch jüdische Kunden, die sich beispielsweise einen Davidstern stechen lassen“, erzählt Anton. Seine Vorfahren arbeiteten noch mit selbstgemachter Tinte und einer einfachen Nadel, die nicht gewechselt, sondern nur gereinigt wurde. Als Anton als junger Mann an der Reihe war, das Handwerk zu übernehmen, gab es dann schon Stechmaschinen – und für jeden Kunden eine eigene Nadel. Bis heute brummt das Geschäft. „Vor allem an Ostern, wenn viele Pilger im Land sind“, sagt Anton. Aber auch an einem normalen Wochentag im Mai kann er über mangelnde Kundschaft nicht klagen. Vier Frauen aus Großbritannien betreten den Laden. Sie sind auf einer Pilgerreise im Heiligen Land mit einer Gruppe unterwegs und hatten zuvor in einem Fernsehbericht von dem Tattoo-Studio gehört. Eine von ihnen ist die 67-jährige Sue Province, eine kleine, rothaarige Frau mit großen, blauen Ohrringen und einem geblümten Shirt. An ihrem rechten Handgelenk trägt sie ein rosafarbenes Armbändchen aus Stoff, auf dem „I love Jesus“ steht. „Das ist Jahre alt und schon furchtbar schmutzig“, sagt sie. Ein Tattoo soll es nun ersetzen. Nur welches? Sue blättert durch den Motivkatalog der Razzouks. Ein Heiligenbildchen? Ein Abbild von Jesus? Oder doch lieber eines von Dutzenden Kreuzen? „Das hier, glaube ich“, sagt Sue und tippt auf ein Kreuz aus Nägeln: „Das hier am Handgelenk, an der Stelle, an der Jesus ans Kreuz genagelt wurde.“ Wassim Razzouk sucht die Vorlage raus. „Einige Motive sind sehr alt, da arbeiten wir mit den traditionellen Stempeln aus Olivenholz“, erzählt Wassim. Das Motiv, das Sue sich ausgesucht hat, ist hingegen moderner. Dafür holt Wassim eine Art Abziehbildchen hervor, das er auf Sues Arm legt und hin- und herschiebt: „Wo soll es hin? Auf den Unterarm? Oder lieber direkt am Gelenk?“ Sue ist nervös. Es ist ihr erstes Tattoo. Lieber weiter unten, meint sie. So oder so: „Meine Schwiegermutter wird schockiert sein“, sagt sie und lacht. „Aber die Mitglieder meiner Gemeinde werden sicher sagen: „Das ist typisch Sue.“ Dann legt Wassim los. Was sagt eigentlich die Bibel dazu? Auch Sue erinnert sich an eine Stelle im dritten Buch Mose, die klingt, als seien Tattoos nicht erlaubt. „Darin geht es aber nicht um Tattoos im heutigen Sinne, sondern um eine alte heidnische Tradition, bei der zu Ehren von Toten die Haut markiert wurde“, erklärt Wassim. Er selbst hat auf dem linken Arm viele christliche Tattoos, darunter zahlreiche Kreuze und ein altes koptisches Motiv, Jesus am Kreuz, von Engeln umgeben. Wassim trat erst spät in die Fußstapfen seines Vaters. „Er konnte früher kein Blut sehen und schon gar nicht, wenn Menschen Schmerzen haben“, erinnert sich sein Vater Anton. Immer wieder hat er versucht, seinem Sohn das Handwerk schmackhaft zu machen, hat ihn zur Übung auf Kunsthaut aus den USA tätowieren lassen. Doch Wassim zeigte kein Interesse. Bis ihn Anton ins kalte Wasser warf. „Wir waren in einem Hotel und ich sollte einige Pilger einer Gruppe aus Eritrea tätowieren. Ich war damals schon alt und konnte nach einer Weile nicht mehr, meine Augen haben nicht mehr mitgemacht.“ Doch Anton hatte mit dem Tattoo bereits begonnen und konnte die Frau nicht einfach so gehen lassen. Wassim sollte die Arbeit abschließen: „Er hat es so gut gemacht, dass die anderen auch von ihm tätowiert werden wollten.“ Das war vor zehn Jahren. Anton hat die Nadel längst an den Nagel gehängt und Wassim den Laden übernommen. Knappe 15 Minuten dauert es, dann hat Wassim an diesem Nachmittag das Tattoo von Sue aus Großbritannien fertiggestochen. Sie blickt auf ihren Arm, ist überwältigt, die Tränen kullern. „Das werde ich dann wohl für immer tragen“, sagt sie und lächelt tapfer. Wassims Mutter Hilda, die auch ein Kreuz-Tattoo trägt, steht schon bereit und wickelt Sue einen kleinen Verband um das Handgelenk. Ein richtiger Familienbetrieb eben. Und einer, der Aussicht auf Zukunft hat. „Mein Enkel Neswar ist jetzt 14 Jahre alt und zeigt schon großes Interesse“, sagt Großvater Anton stolz: „Ich hoffe, dass er mir nächstes Jahr schon sein erstes Tattoo stechen kann.“

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