Rheinpfalz „Es ist der Wahnsinn“

Der gebürtige Saarländer Bernhard Henrich ist für den Oscar nominiert – als erster deutscher Set Decorator überhaupt. Der 63-Jährige, der in Berlin lebt, freut sich wie ein Schneekönig und genießt den Rummel im Vorfeld der weltgrößten Filmpreis-Gala, die am 28. Februar im Dolby Theatre in Los Angeles über die Bühne geht. Eine Begegnung.
Lieber Saarländer …“ – so begann meine Mail mit der Interviewbitte. Denn Bernhard Henrich wurde 1952 in Niederwürzbach geboren, knapp zehn Kilometer von Zweibrücken und der Pfalz entfernt. „Ich bin Saarländer, obwohl ich seit 1972 in Berlin wohne“, ist das Erste, was er sagt, als er mich in sein Wohnzimmer in Wilmersdorf führt. Er lacht, als ich ihm den Ring Lyoner überreiche, den ich von der Saar mitgebracht habe. Die Stimmung ist familiär. „Das mal mitgemacht zu haben – es ist der Wahnsinn“, sagt der 63-jährige Oscar-Nominierte immer wieder. Er gehört zu dem Trio, das für den Steven-Spielberg-Thriller „Bridge of Spies“ in der Kategorie Production Design nominiert wurde (mit Production Designer Adam Stockhausen und Rena DeAngelo, ebenfalls Set Decorator). Doch was genau macht Bernhard Henrich überhaupt? „Oft lese ich, ich sei Set Designer, das ist totaler Schwachsinn. Set Designer sind die Zeichner! Ich bin Set Decorator! Der deutsche Begriff ist Filmausstatter.“ Henrich arbeitet dem Production Designer zu, der mit dem Regisseur die große Linie eines Films entwirft. Danach muss in Großproduktionen der Set Decorator ran. „Ich lege jedes Set technisch an, mache Recherchen, entwickle Konzepte, wie die Ausstattung aussieht. Ich muss ein Budget erstellen und es mit dem Team umsetzen“, sagt Henrich. Sein Budget umfasst meist vier bis fünf Millionen Dollar. Bei einem „Tatort“ hat man für die Ausstattung etwa 150.000 Euro, verdeutlicht er die Dimensionen. Ein Hollywood-Film wie „Bridge of Spies“ hat weit über 100 Sets. Henrich hat den Teil gestaltet, der in Deutschland spielt, sowie einige Filmmotive, die in den USA spielen, aber in Berlin gedreht wurden, beispielsweise das Büro des Anwalts James B. Donovan (Tom Hanks) in Los Angeles. Dass die Büros, die Straßen, das Ost-Feeling, das Mauer-Feeling, überhaupt alles in Ost-Berlin, so atmosphärisch aussah, wurde in der Branche gelobt. Dabei ist nichts echt, alles ist nachgebaut. Henrich holt dicke Ordner aus dem Regal. Mit Grundrissen, Zeichnungen, Fotos, Listen, Budgetplänen und dem Drehbuch. Dazu kommen Tausende Fotos in den Datenbanken im Computer. Und ein paar Souvenirs wie der – natürlich nachgebaute – Hydrant aus „Der Ghostwriter“, ein Spielzeug mit zwei Magnethälften in Ei-Form, das Henrich so nebenbei entworfen hat, Tassen, Crew-Ausweise. „Bei uns gibt es zwei Non-Konstanten: Drehplan und Drehbuch. Das ändert sich ständig“, erklärt er und erzählt von der Szene, die in einem großen Luxus-Hotel spielen sollte: Drei-Zimmer-Suite, Foyer. „Das hatte ich alles schon komplett zusammen, mit Möbeln aus England – und dann haben die in den USA gemeint, wir wollen lieber ein CIA-Office“, beschreibt er eine Situation, die jeden Tag vorkommen kann, und das unter Zeitdruck: „Das ist mein Alltag. Eine Idee ist schnell da, das ist nicht das Problem, aber die Logistik!“ Mehr als 100 Leute hören in Henrichs Team auf sein Kommando: Requisiteure, Zeichner, Möbelbauer, Handwerker aller Art. Und wie war der Dreh mit Spielberg? „Spielberg ist abgeschirmt. Er hat mit mir am Drehort kaum geredet. Produzent und Regieassistent klärten alles vorher.“ „The Monuments Men“ (2014) von und mit George Clooney war eine größere Herausforderung als „Bridge of Spies“. Da konnte Henrich viel mehr im Monumentalen schwelgen: das vier Quadratkilometer große Militärcamp mit 14.000 selbst gegossenen Autoreifen, vier Küchen, Friseur, Kirche, Kino, Krankenhaus, Hunderten von Kisten, die gestapelt sind, Zelten – und natürlich die zwölf Meter hohen Höhlen, in der die Nazis ihre gestohlenen Gemälde sammelten. „Das sind Dimensionen, die Spaß machen“, freut er sich. Besonders stolz ist er auf die Kunst, die er eigens für diesen Film erfunden hat: „Ich hatte Skulpturen aus dem Filmstudio Cinecittà in Rom geholt. Dann ist mir etwas eingefallen: Aus Hasendraht und Holz habe ich Skulpturen formen und dann in Papier einpacken lassen. Die sahen besser aus als die echten!“ Die Beziehung zu Clooney ist eng, zur Berlinale bat der Star Henrich, ihm zwei Räume in seinem Berliner Hotel auszustatten, in denen er Filme präsentieren wollte. Das hat der gebürtige Saarländer so nebenbei auch noch gemacht. Der Sohn eines Bergmanns lernte Schaufenstergestalter im PeKa (heute Kaufhof) in Saarbrücken. 1972 ging er nach Berlin, um dem Bund zu entkommen und seinen Horizont zu erweitern. Er arbeitete beim KaDeWe, bei Hertie, aber in seinem Beruf verdiente er nicht genug für das Leben in der Großstadt. Das Schillertheater stellte ihn als Theaterplastiker ein. Nächste Station war das Grips-Theater und ab 1977 der Film – bei dem berühmten Produzenten Atze Brauner in dessen Studios in Spandau. Dort begann Henrich als Requisiteur. Er war gut, ein Job führte zum nächsten. Aus dem Requisiteur wurde der Ausstatter. „Der Zauberberg“ (1980) war Henrichs erste große Produktion. Von da an wurde es immer größer, internationaler. 1993 ging es in Babelsberg los mit der „Unendlichen Geschichte“, seitdem ist Henrich als Set Decorator in der ganzen Welt unterwegs und oft monatelang nicht zu Hause. Aber mindestens einmal im Jahr kommt er zurück nach Niederwürzbach. Dort drückt man ihm die Daumen für den Oscar. Doch Henrich sagt: „Wir bekommen ihn nicht. Letztes Jahr hat Stockhausen ihn schon bekommen für „The Grand Budapest Hotel“. „Mad Max: Fury Road“ wird ihn kriegen.“ Der Film hat Henrich bereits den britischen Filmpreis weggeschnappt, für den er auch nominiert war. Traurig ist Henrich jedoch nicht: „Nominiert zu sein, ist allein schon eine Ehrung. Die Nominierung ist gut für den Beruf des Set Decorators, gut für Babelsberg, gut für Deutschland.“ Und fürs Saarland. Aber das sagt er nicht, das denkt er nur.