Rheinpfalz Einsatz fürs Vaterland nicht gedankt

STEINBACH. Den Juden im Ersten Weltkrieg ist eine Sonderausstellung gewidmet, die am Sonntag im Jüdischen Museum in Steinbach eröffnet wurde. 100 Jahre nach Ausbruch des Krieges stellt der Steinbacher Heimatverein das Schicksal der jüdischen Soldaten in den Fokus.
85.000 bis 100.000 Deutsche jüdischen Glaubens zogen damals für ihr Vaterland in den Krieg, rund 12.000 von ihnen kamen nicht lebendig zurück. Auch Steinbach am Glan, einst eine Gemeinde mit reichem jüdischen Leben, betrauerte vier jüdische Soldaten: Artur Aron, Julius Weinberg, Simon Mann und Leo Roos, der 1917 gefallen war. Mit den in die USA emigrierten Nachkommen der Familie von Leo Roos pflegte der Vorsitzende des Steinbacher Heimatvereins, Josef Wintringer, lange Jahre Kontakt. Einer von ihnen, Walter Roos, sei regelmäßig in die alte Heimat gekommen, erzählt Wintringer. Dessen Tochter übergab dem Verein ein spannendes Dokument: das Kriegstagebuch von Leo Roos. Im kommenden Jahr werde sich ein Band der Westricher Heimatblätter mit Leo Roos befassen, kündigte Wintringer im Gespräch mit der RHEINPFALZ an. Im Museum sind nun das Tagebuch sowie Ausschnitte daraus zu sehen. Ferner werden unter anderen Reservistenbilder, auch von Steinbacher Juden, gezeigt sowie ein „Fliegerbuch“ der Familie Roos. „Wir hätten viel mehr Vitrinen füllen können“, sagte Wintringer bei der Ausstellungseröffnung. Doch der Platz sei begrenzt. Eingeladen war auch Christian Decker, Mitarbeiter am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde. Der aus Altenglan stammende Historiker lieferte einen sehr umfangreichen Vortrag über den Ersten Weltkrieg, in dem er unter anderem den Alltag in der Pfalz sowie Pfälzer Truppen an der Front beleuchtete. Für eine Gedenkfeier und Ausstellungseröffnung am Sonntagnachmittag wurde den Besuchern im kleinen Raum mit schlechter Luft einiges an Sitzfleisch und Konzentration abverlangt. Mehr regionalen Bezug hatte dagegen das eigentliche Thema der Veranstaltung, nämlich Juden im Ersten Weltkrieg. Dass die Besucher anhand der Tagebuch- Ausschnitte die Ängste und Nöte der Kriegsteilnehmer hautnah erfahren konnten, ist dem Regionalhistoriker Ernst Schworm aus Niederalben zu verdanken. Er entzifferte die in altdeutscher Schrift und teilweise undeutlich „auf der Bettkante“ geschriebenen Einträge und brachte sie in lesbare Form. Anhand von historischen Bildern zeichnete Schworm in seinem Vortrag ein Bild der Roos’schen Familie, bevor er aus dem Tagebuch vorlas. Wie viele seiner Glaubensgenossen wurde Leo Roos, damals ein junger Bankangestellter in Frankfurt, freiwillig Soldat. Er beschrieb seine Ankunft in Lothringen, schildert blutige Kämpfe und berichtet von seiner Versetzung an die Ypern-Front. Roos wurde dort verwundet. Er starb 1917 an Fleckfieber und ist in Steinbach beerdigt. Roos’ Überzeugung, laut der kein wesentlicher Unterschied zwischen Juden und Christen in Deutschland bestehen sollte, hob Schworm in seinem Vortrag hervor. Denn die Juden sahen sich damals vor allem als Deutsche. Aus Patriotismus zogen sie in den Krieg, nicht wenige kamen mit Ehrenabzeichen zurück. Umso schlimmer musste gerade die deutsch-national gesinnte jüdische Bevölkerung die Boykott-Hetze der Nazis ab 1933 empfunden haben. Solange Deutschland so zu seinen Juden stand, wollten nicht wenige ihre Ehrenabzeichen nicht mehr tragen. Aber das war bekanntlich erst der Anfang. Nazi-Deutschland zwang später auch Mitglieder der Familie Roos zur Auswanderung. (suca)