Fußball
Die SV Elversberg steigt in die Bundesliga auf: Jetzt muss sogar der FC Bayern ins Saarland
Die Nachspielzeit läuft bereits, da versucht Vincent Wagner trotzdem noch einmal, seine Mannschaft zu dirigieren. Der Trainer der SV Elversberg ist an der Seitenlinie aktiv, ruft und gibt Kommandos. Die Spieler, die hinter ihm vor der Reservebank stehen, reißen aber schon einmal die Kartons auf und ziehen die Aufstiegs-Shirts über: „Liga Eins, hier kommt die Elv“, steht darauf. Sonntagnachmittag, 17.25 Uhr: Das Saarland ist nach 33 Jahren zurück in der höchsten deutschen Spielklasse.
Fünfeinhalb Stunden zuvor ist von der großen Party noch wenig zu spüren in der 13.000-Seelen-Gemeinde, es herrscht eher eine positive Anspannung. An der katholischen Kirche St. Ludwig im Ortsteil Spiesen hängen SVE-Banner. Die Fotos davon machen im Internet die Runde, verbunden mit der Frage, ob sie „echt“ sind. Sind sie. Ein bisschen himmlischer Beistand kann sicher nicht schaden.
Wieder durchs Fenster klettern
Auch das Rathaus ist beflaggt, auf dem Platz davor ist eine Stahlrohrtribüne aufgebaut – weil der Verwaltungssitz keinen Balkon hat, muss es eben so gehen. Das hat auch 2023 schon beim Aufstieg in die Zweite Liga geklappt. Auf dem gesamten Areal rund um das Rathaus herrscht ab Montag, 12 Uhr, Parkverbot – vorsorglich für Party und Aufstiegsempfang. Nun ist klar: Die Spieler werden wieder durchs Fenster des Bürgermeisterbüros klettern müssen. In Elversberg ist nicht nur das Stadion, das sich aktuell im Umbau befindet, ein bisschen provisorisch.
In einem Café am Rathausplatz stimmen sich die ersten Elversberger Fans auf den Tag ein, mehr stoisch als euphorisch, mit Trikot, Bier und einer Zigarette. „Ich geh’ fest davon aus, dass mer gewinne“, sagt einer von ihnen. Ein paar Meter weiter mischt sich in die Zuversicht aber auch Sorge. „Ich hab’ Angst, dass sie es nicht schaffen“, sagt eine Frau, bevor sie mit ihrem Begleiter in den Bus steigt, der sie zum Stadion bringt. Nur gut drei Kilometer beträgt die Strecke.
Ganz verschwunden ist die Angst vor dem Scheitern nicht. Im vergangenen Jahr verpasste Elversberg den Aufstieg noch in der Relegation gegen Heidenheim dramatisch. Die halbe Mannschaft verließ den Klub, der Erfolgstrainer der vergangenen Jahre ebenfalls. Trotzdem sagt Coach Vincent Wagner, der von der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim kam, nun, als der Aufstieg feststeht, völlig unaufgeregt: „Überrascht haben wir in dieser Liga keinen mehr.“ Er sagt aber auch: „Ohne zu hoch greifen zu wollen, kann man das Wort ,Wunder’ in diesem Fall durchaus benutzen.“ Für den 40-jährigen Trainer ist es mit seinen Teams der dritte Aufstieg in fünf Jahren.
„Haben das souverän gelöst“
Gegen Preußen Münster beginnt sein Team an diesem 34. Spieltag nervös, einen ersten Matchball zum Aufstieg hat die SVE in der Vorwoche vergeben. „Die letzten beiden Tage war ich für meine Verhältnisse emotionaler“, sagt Wagner, „heute war ich ruhig. Und letztlich haben wir das souverän gelöst.“ Nach elf Minuten erzielt Bambasé Conté das 1:0.
Um 13 Uhr setzt sich im kleinen Zentrum des Ortsteils Elversberg der Fanmarsch zum Stadion in Bewegung. Die Trommler, die ihn anführen, haben ihre Instrumente an einem Einkaufswagen befestigt. Die Anhänger der SVE tauchen das Dorf in schwarzen und weißen Rauch. „Mir wolle uffsteije, den Emotionen freien Lauf lassen“, ruft einer der Anführer in breitem saarländischen Dialekt in sein Megafon zu den Zuschauern, die am Straßenrand und hinter den Fenstern ihrer Wohnungen warten. „Also legt die Handys weg. Wer nur zum Filmen da ist, soll wieder heimgehen.“ Natürlich zündeln einige mit Pyro und wollen unerkannt bleiben. Die Polizei-Drohne filmt, die Beamten kündigen an, im Nachhinein zu ermitteln. Die Einsatzkräfte sagen aber auch über Lautsprecher: „Wir wollen ebenfalls, dass die SVE aufsteigt.“
An einer Kreuzung stoppt der Fanzug durch das Dorf. Die Anhänger der „Elv“ singen ihre Lieder. Ein Ehepaar aus Münster steht auf dem Bürgersteig und unterhält sich mit Einheimischen. Dann rufen die Beiden ihre Freunde an. „Ich glaube, ihr kommt hier nicht mehr durch“, sagt der Mann. Rund 2000 Fans haben die gut vier Stunden aus Westfalen ins Saarland auf sich genommen, um ihr Team beim letzten Zweitliga-Spiel zu unterstützen. So unterschiedlich ist die Stimmung: Während Elversberg den Aufstieg feiert, geht es für Preußen in die Dritte Liga. Der Klub spendiert im Gäste-Block massig Freibier.
Aufstieg wie die Mondlandung
Nur drei Minuten nach der Führung erhöht David Mokwa auf 2:0 für die SVE. Spätestens da ist den 9307 Zuschauern im Stadion klar, wohin die Reise an diesem Nachmittag geht. „Ein Freund sagte zu mir: Wenn ihr aufsteigt, ist das wie ein Flug zum Mond“, erzählt Coach Wagner. In der Winterpause hat in Younes Ebnoutalib der beste Torschütze den Klub verlassen, mitten in der heißen Saisonphase ging auch Geschäftsführer und Kaderplaner Nils-Ole Book und wechselte zu Borussia Dortmund. All diesen Widerständen hat die SVE getrotzt. „Das geht nur, wenn jeder sein Ego ein wenig zurücknimmt“, sagt Wagner, „gleichzeitig brauchen unsere Spieler ein riesiges Ego, um so zu spielen, wie sie spielen.“ Nicht einmal hat Elversberg diese Saison zwei Spiele hintereinander verloren.
90 Minuten vor dem Anpfiff öffnet das Stadion an der Kaiserlinde seine Tore. Die Zuschauer gönnen sich vor der kleinen Arena noch ein Bier. Im Wohngebiet in der direkten Nachbarschaft, das an Spieltagen gerne zum Parken zweckentfremdet wird, grillen die Anwohner – Aufstiegs-Schwenker, sozusagen. Zwei Paare haben ihre Gartenmöbel an die Straße geräumt, beobachten die Autoschlange, die sich Richtung Stadion kämpft. Alle tragen SVE-Trikots, die Männer trinken Bier, die Frauen Prosecco. Selbst in Heidenheim, das gerade abgestiegen ist, und als Bundesliga-Dorf galt, leben rund 50.000 Menschen. Fast viermal so viele wie hier.
Jetzt kommt die „Reise zum Mars“
Unweigerlich stellt sich die Frage, die aus fußballerischer Sicht keine ist, aber aus logistischer durchaus: Ist das nicht alles doch viel zu klein für die Bundesliga? Was denkt der große FC Bayern München, wenn er hier ankommt? Nicht nur der Rekordmeister dürfte sich beim Auswärtsspiel fühlen wie in der ersten Runde des DFB-Pokals. Dann nämlich, wenn es für die Großen oft aufs Land geht. Gleichwie: Nun tritt die SVE nach dem 1. FC Saarbrücken, dem FC Homburg und Borussia Neunkirchen als vierter Klub aus dem Saarland im Oberhaus des deutschen Fußballs an – und ist der kleinste Bundesliga-Standort in ihrer bisherigen Geschichte.
Eine Stunde vor Spielbeginn macht der Gedanke an einen Platzsturm die Runde. „Geführt“ soll er vonstatten gehen. Ein paar Minuten nach Abpfiff will der Klub die Tore zum Rasen öffnen. Als Mokwa nach 66 Minuten auf 3:0 erhöht, fällt es den saarländischen Fans zunehmend schwer, sich zurückzuhalten. Doch es gelingt ihnen, so gut es eben geht. „Wir haben die Mondlandung geschafft“, sagt Vincent Wagner. Die nächste Mission steht in der Bundesliga bevor: „Jetzt kommt die Reise zum Mars.“


