Rheinpfalz Die Heimkehr des Odysseus
Bornheim. Gäbe es eine Meisterschaft der „Senderstörche“ im Weitflug, ein Adebar aus der Südpfalz hätte Anspruch auf die Goldmedaille: Ein Vogel, der vor einem Jahr bei Germersheim das Licht der Welt erblickte, schaffte es bis zur nigerianischen Atlantikküste. Von keinem Storch, der über die Gibraltar-Route ein Winterquartier in Westafrika aufsuchte, ist ein weiter südlich gelegener Aufenthaltsort bekannt geworden.
Seit zwei Jahren starten einige pfälzische und rheinhessische Jungstörche mit einer Antenne auf dem Rücken in ihr abenteuerliches Globetrotter-Dasein: Ein rund 50 Gramm leichtes Gerät zeichnet die Bewegungen der Tiere auf, registriert via GPS-Satellitennavigation die Flugroute und überträgt die Daten per Handy-SMS an die „Basis-Station“ der Vogelwarte Radolfzell am Bodensee. Dort wertet Wolfgang Fiedler die Informationen aus. Der Biologe und seine Kollegen erforschen seit Jahren das in weiten Teilen noch rätselhafte Verhalten der Zugstörche. Regionaler Partner ist die Aktion Pfalzstorch. Dort laufen bei Christiane Hilsendegen die Fäden zusammen, die in Bornheim bei Landau das Rheinland-pfälzische Storchenzentrum leitet. Mit Hilfe von Sponsoren konnte die Aktion die nötigen Gelder auftreiben, um vor zwei Jahren 26 und im vergangenen Jahr 24 Adebare mit einem „Rucksack-Sender“ auszurüsten. Auch in diesem Sommer wird Fiedler wieder neun Jungstörche in der Pfalz „besendern“ können. Dank dieser Kooperation zwischen der Vogelwarte Radolfzell und der Aktion Pfalzstorch wurde die ungewöhnliche Flugleistung des südpfälzischen Nigeria-Reisenden bekannt: Der Vogel war vor einem Jahr in einem Nest bei der alten Ziegelei zwischen Germersheim und Sonderheim geschlüpft. Im Frühsommer hatte ihn Fiedler mit einem Sender ausgerüstet, im August machte sich der auf den Namen „Voyager II“ getaufte Adebar ins Winterquartier auf. Warum Voyager II gleich bei der ersten großen Reise seines Lebens so weit flog, gehört zu den vielen ungeklärten Fragen des Storchenverhaltens. Durch die Zusammenarbeit mit der Aktion Pfalzstorch und ähnlichen Organisationen in ganz Deutschland werden aber bestimmte Muster deutlich, wie der Radolfzeller Biologe am Wochenende im Storchenzentrum erläuterte: Nicht wenige pfälzische und südbadische Adebare zieht es bis nach Mali, bis ins Niger-Binnendelta. Oberschwäbische Störche geben sich dagegen schon mit dem Reiseziel Marokko zufrieden. Und egal, ob sie auf dem Kirschbacherhof bei Zweibrücken oder in Bornheim geschlüpft sind – die Südwest-Störche zieht es über eine „Pfälzer Straße“ quer durch Ostfrankreich nach Süden. In Burgund nahe der Stadt Dijon vereinigen sie sich mit ihren südbadischen Artgenossen, um dann durchs Rhonetal, quer durch Südfrankreich und zwischen dem Ostrand der Pyrenäen und dem Mittelmeer hindurch nach Katalonien zu reisen. Dieses dank der Sender gesammelte Wissen über die Flugkorridore will Fiedler zum Schutz der Vögel nutzen: Im Einzugsbereich dieser Korridore möchte er dafür werben, die Strommasten „storchensicher“ zu machen. Denn die meisten Jungstörche überstehen das erste Lebensjahr nicht. Viele von ihnen berühren zwei Stromleiter, wenn sie sich auf die Masten setzen , und lösen dadurch einen tödlichen Kurzschluss aus. Dieses Schicksal haben auch viele der Pfälzer „Senderstörche“ erlitten: Von den 2015 gestarteten Adebaren leben nur noch zwei oder drei Vögel, von den Tieren des 16er Jahrgangs sind es immerhin noch acht. Doch Fiedler konnte auch von einer Überraschung berichten: Die lange als vermisst geltende Jessica, die 2015 vom Kirschbacherhof ausflog und Westafrika bis nach Niger und Burkina Faso erkundete, lebt allem Anschein noch. Nur ihr GPS-Gerät scheint defekt. Mehrfach traf in Radolfzell noch ein Funksignal ein, zuletzt im Februar. Odysseus, ebenfalls ein 15er Veteran, der von Sonderheim aus gestartet war, verbrachte den Winter in Marokko. Vom Frühjahr 2016 an zog es ihn nach Spanien, das er von Süd nach Nord ausgiebig erkundete. Vor zwei Wochen wurde er offenkundig vom Heimweh gepackt. Zunächst schien er etwas vom Kurs abgekommen zu sein: Mal tauchte er bei Rothenburg ob der Tauber auf, mal beim badischen Bühl. Doch pünktlich zum Fiedler-Vortrag in Bornheim liefen GPS-Daten ein, die die Zuhörer begeisterten: Odysseus ist zurück in Bornheim. Mal sehen, wohin ihn seine Odyssee als nächstes führt. Info Weitere Infos unter www.pfalzstorch.de