Rheinpfalz Der Professor an der Drehorgel

91-87748018.jpg

Die Drehorgel in ihrer Vielfalt, ihrem Aufbau und ihrer Funktionsweise beschäftigt Helmut Johanni, seit er ein Bub war. Mit einem Strahlen in den Augen schwärmt der im Kaiserslauterer Stadtteil Morlautern beheimatete Wissenschaftler: „Von Bach bis Beatles, Serenaden, Klassik, Pop, Volksmusik und sogar Jazz: Alles ist auf diesem mechanischen, in Form und Gestaltung äußerst wandlungsfähigen Musikinstrument möglich.“

Eines mag Johanni gar nicht: Wenn jemand seine heiß geliebten Drehorgeln als Leierkasten bezeichnet. „Viel zu einseitig“ sei diese Bezeichnung und werde dem Instrument „überhaupt nicht gerecht“. 1930 in Franken geboren, lebt Johanni mit seiner Frau Ingeborg seit 38 Jahren in Morlautern. Im Einfamilienhaus hat er eine kleine Werkstatt eingerichtet. Der emeritierte Professor der Elektrotechnik war viele Jahre an der Lauterer Hochschule tätig. Sein Faible für mechanische und elektronische Abläufe sei ihm wohl in die Wiege gelegt worden. Als Kind saß er in seiner fränkischen Heimat auf dem Pferdekarussell und fragte sich, wo die Musik herkommt. Seine Neugierde war geweckt. „Wie kann es sein, dass aus der Kiste mit den Pappstreifen Töne erklingen?“ Als Schlüsselerlebnis bezeichnet Johanni eine Ausstellung bodenständiger Handwerkskunst in Altglashütten im Schwarzwald. Dort begegnete ihm das Thema Drehorgel, sofort war sein Interesse erneut entfacht. Beim Blick in die Kisten mit den Lochbändern wollte er es genau wissen: „Wie werden Tausende Löcher in das Papier der Walzen gestanzt?“ Die Antwort war einfach: Per Hand. „Das ist Arbeit für einen, der zehn Jahre einsitzen muss“, sagt Johanni kopfschüttelnd – „das muss doch einfacher gehen.“ Das Thema ließ ihn nicht mehr los. Mit einem Freund und Kollegen von der Hochschule fand er die Lösung. Die Tüftler entwickelten ein Gerät, mit dem sich, basierend auf computergesteuerter Technik, Melodien maschinell auf Walzen stanzen ließen. Johanni und Kollege machten in den 1980er Jahren diese bahnbrechende Erfindung weltweit als Erste. Warum sie ihre Konstruktion nie als Patent angemeldet haben? „Wegen der immensen Kosten, die auf uns zugekommen wären“, so der Erfinder. So ist verständlich, dass die Technik bis heute im In- und Ausland Nachahmer findet. Adrian Oswalt, Komponist und Musiker aus der Drehorgelmetropole Waldkirch, erarbeitet für Johannis Auftraggeber die Musikarrangements. Auch heute noch werden sie in der kleinen Werkstatt des Tüftlers auf meterlange Rollen passgenau in die Drehorgeln eingearbeitet. Etwas über 100 Euro kostet das fertige Band. Stolz erwähnt der Erfinder, dass die Drehorgel das erste Speicherelement für Musik gewesen sei. Größen wie Haydn, Beethoven, Mozart und Verdi hätten eigens für die Drehorgel komponiert, um Bekanntheit und Verbreitung ihrer Stücke voranzubringen. Johanni ist sich bewusst, dass eine Orgel mit Computerchip mehrere Tausend Musikstücke wiedergeben kann. „Dann hört sich die Musik aber immer gleich an.“ Per Handbetrieb und Walze könne der Drehorgelspieler seine Stücke modifizieren. Prompt gibt er eine Kostprobe auf seiner original Waldkirchner Jäger & Brommer-Drehorgel. Johanni spielt gelegentlich für Freunde oder zum Spendensammeln für soziale Einrichtungen. Standesgemäß ausgestattet in Frack und mit Chapeau claque, entführt er Zuhörer in eine Klangwelt, die für die meisten mit positiven Gefühlen verbunden ist. Alle zwei Jahre gibt er mit anderen Drehorgelspielern in der Landstuhler Zehntenscheune ein Konzert. Für sie ist das Musizieren in Kirchen nichts Neues. Bei Kirchenkonzerten und Gottesdiensten haben die „Drehorganisten“ schon oft demonstriert, dass ihre Instrumente nicht nur für Schlager, Marsch und Walzer taugen. |gby
x