Rheinpfalz „Damit Kinder einen Ausweg aus ihren Krisen finden“

Andrea Dixius
Andrea Dixius

Bei START geht es darum, Kinder und Jugendliche, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, zu stabilisieren, ihnen einen ersten Halt zu geben. Entwickelt wurde das Konzept von Andrea Dixius und Eva Möhler. Wir haben mit Dixius, der Leitenden Psychologin der Saarland-Heilstätten-Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, über die Anwendungsmöglichkeiten von START geredet.

Aus welchem Anlass wurde START entwickelt?

START wurde Ende 2015 entwickelt. Der Anlass war, dass wir für minderjährige Flüchtlinge eine niedrigschwellige Erststabilisierungshilfe zur Verfügung stellen wollten. Viele von ihnen waren komplex belastet, hatten aber sehr große Sorge, in eine Therapie oder Klinik zu müssen. So wollten wir etwas entwickeln, damit die Kinder zunächst einmal Boden unter den Füßen kriegen. Und zwar mit Hilfen, die leicht erlernbar, schnell wirksam und so gestaltet sind, dass sie direkt da hinkommen, wo der Lebensmittelpunkt von den Kindern und Jugendlichen ist. Es handelt sich dabei nicht um eine aufarbeitende Traumatherapie, sondern um eine diagnoseunabhängige Stabilisierung mit Hilfe von Fertigkeiten, mit denen man Stress regulieren kann. Was genau ist die Erststabilisierung? Die erste Stabilisierung ist in diesem Fall zu lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen und Krisen überstehen zu können. Sie richtet sich an Kinder, die eine schwere psychische und emotionale Belastung mit sich bringen und oft aus ihrem sozialen Umfeld herausfallen – zum Beispiel durch Depressionen und Ängste. Die Idee war, Mitarbeiter in diesen Bereichen zu schulen. Sie sollen Skills, also Fertigkeiten, und Achtsamkeit vermitteln, damit die Kinder leichter einen Ausweg aus ihren Krisen finden. Außerdem soll den Kindern die Fertigkeit vermittelt werden, schwierige Situationen zu meistern und die positiven Lebensaspekte zu stärken. Was sind das zum Beispiel für Skills? Das können Sport oder Kältereize sein. Solche Skills müssen leicht erlernbar sein und so angepasst werden, dass Kinder und Jugendliche sie unter großer Anspannung ausführen und auch zuhause nachmachen können. Das können auch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen sein, um sich auf den Moment zu konzentrieren oder sich abzulenken. An wen sind die START-Fortbildungen gerichtet? Die Fortbildungen sind an Ärzte, Psychotherapeuten, Erzieher, Sozialarbeiter, Schulen, Mitarbeiter von psychosozialen Einrichtungen und Kliniken gerichtet. Aber auch an Fachpersonen, die sich für dieses Thema interessieren und denken, dass sie Unterstützung anbieten können. Unterstützung für diejenigen, die so belastet sind, dass sie sich erstmal nicht für eine längerfristige Therapie entscheiden können. Im Prinzip soll START auch als Türöffner dienen, um Hilfen und neue Erfahrungen zuzulassen. Können auch Eltern dieses Konzept anwenden? Ja, Eltern können das genauso gut lernen. Das wäre sogar wünschenswert, wenn Eltern das Konzept im familiären Kontext unterstützen würden und selbst die Skills anwenden. So können sie in Krisensituationen die Fertigkeiten nutzen, um erst einmal aus der Situation herauszukommen, in diesem Krisenkreislauf nicht steckenzubleiben. Die meisten Menschen nutzen Skills intuitiv. Uns geht es darum, die Bewusstheit zu schaffen, dass man weiß, welche Fertigkeit in welcher Situation helfen kann, und sich so handlungssicherer fühlt. Wie weit kann die Hilfe von START gehen? Start hat auch seine Grenzen. Es ist klar, wenn jemand in einer sehr schweren und akuten Krise ist, die zu ernstzunehmenden Problemen führen kann, ist „Safety First“ angesagt, also Unterstützung von Experten. Das sollte man gar nicht verändern. Infos Weitere Informationen gibt es auf www.startyourway.de. | Interview: Lea OchssnerDOPPELTERZEILENUMBRUCH

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