Rheinpfalz
Dahn: „Biothek“ in neuer Hand
Für beide ist es eine gute Fügung. Für Ilona Burkhart-Schäfer, weil ihr Lebenswerk fortgeführt wird. Für Anna Holzeimer, weil sie genau das Richtige für sich gefunden hat: Zum 1. Januar hat sie die Dahner „Biothek“ samt Mitarbeitern übernommen. Am Konzept soll sich nichts ändern.
Ilona Burkhart-Schäfer ist erleichtert, dass es so gekommen ist. Es hätte auch anders laufen können. Im März 2018 nämlich zwangen sie massive Probleme mit der Wirbelsäule zur Arbeitspause. Sechs Wochen verbrachte sie nach einer Operation allein im Krankenhaus – entlassen mit der ärztlichen Botschaft, dass sie so nicht mehr weitermachen könne. Was bedeutete: keine schweren Obst- und Gemüsekisten mehr stemmen, was sie in ihrem Bioladen mit Frischwaren jahrelang getan hatte. Aufgeben wollte sie, gerade mal 50, ihr Geschäft aber nicht; mit den beiden Angestellten und mit Aushilfen machte sie weiter. Doch die Arbeit nahm noch zu – die Nachfrage nach „Bio“ wächst auch in Dahn stetig.
Das musste schon passen
Im Juni 2019 übergab sie das Ruder an ihren Mann, der sie nach Kräften unterstützte, neben seinem Hauptberuf. Eine Dauerlösung war das aber nicht. So entschieden sie sich im August 2019, das Geschäft herzugeben – wenn sie jemanden dafür fänden. Denn nach 30 Jahren einfach zuschließen, das wollte Ilona Burkhart-Schäfer nicht. Ebenso wenig, wie ihr Lebenswerk an irgendjemanden zu übergeben. Das musste schon passen.
Dass die passende Person bereits im Laden war, ahnte die Inhaberin da noch nicht. Einige Monate zuvor war sie von einer Kundin angesprochen worden, ob sie stundenweise aushelfen könne. Die junge Mutter in Erziehungszeit war der Geschäftsfrau da bereits bekannt. Mitte 2018 war Anna Holzeimer mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern aus Haßloch nach Hinterweidenthal gezogen, wo ihre Eltern leben; dort bauten sie ein Haus. Ab dann kaufte sie regelmäßig im Dahner Bioladen ein. Der Chefin fiel sie auf – „sie hat uns die Gemüse- und Obstregale leergekauft“, stellt sie amüsiert fest.
Mit Rohkost gegen MS
Anna Holzeimer und der Dahner Bioladen – das war keine Zufallsbegegnung. Denn die 37-Jährige, die in Hinterweidenthal aufwuchs, hat sich auch wegen der Nähe zum Bioladen für Hinterweidenthal entschieden. Seit 2016 kocht sie nicht nur vegan, sondern mittlerweile nur noch auf Rohkostbasis. Nicht, weil es ein Trend ist, sondern, weil sie davon überzeugt ist und ihrem Mann das Leben erleichtern will. Er leidet an Multipler Sklerose (MS). Als die Krankheit fortschritt, hatte er zuletzt zweimal im Jahr einen Schub. Während eines Reha-Aufenthaltes riet ihnen dann eine Dame zur Naturheilkunde, womit sie sich ausführlich beschäftigten. Ein Aufenthalt in einer Naturheilkunde-Einrichtung überzeugte sie: Anna Holzeimer stellte die Ernährung komplett um, erst auf vegan, dann auf Rohkost. Mit Erfolg, sagt sie: Seitdem habe ihr Mann keine Schübe mehr gehabt, obwohl er inzwischen auf Medikamente verzichte. Allerdings, betont sie, sei er sehr konsequent: kein Alkohol, kein Kaffee, keine Zigaretten, viel Sport. So hätten sie es geschafft, seinen Zustand stabil zu halten. Geholfen hat ihr dabei die Fachausbildung zur „Vegan-Vitalkost-Zubereiterin“.
Die Familie unterstützt sie
Mit ihrer Einstellung zur Naturkost war Anna Holzeimer bei Ilona Burkhart-Schäfer an der richtigen Adresse. „Wir haben uns gut verstanden“, erzählt die Laden-Gründerin. Gefallen hat ihr auch die Idee der Holzeimers, eine kleine Rohkost-Pension aufzubauen. Aus eigener Erfahrung: Urlaube in die Berge oder ans Meer seien nicht mehr möglich, da sie keine Unterkunft mit reiner Rohkost-Versorgung fänden, erzählt die 37-Jährige, die sich selbst mit Sport und Tanzen fit hält.
Nachdem Ilona Burkhart-Schäfer im vorigen Sommer die Entscheidung zum Rückzug bekannt gegeben hatte, fügte sich schnell alles zusammen: Eines Tages habe Anna vor ihr gestanden und gesagt, sie könne es sich gut vorstellen, den Laden zu übernehmen. Die Geschäftsfrau musste nicht lange überlegen: „Sie ist die Richtige“, sagt sie – sie kenne die Waren, die Mitarbeiter, die Kunden. Und sie habe die Unterstützung ihrer Familie: Annas Mann, inzwischen erwerbsunfähig, hilft, erledigt daheim „Papierkram“, kümmert sich um den elfjährigen Sohn und das dreijährige Mädchen, das übrigens als Haßlocher Hausgeburt zur Welt kam. Er hält ihr den Rücken frei – „ein großes Glück“, findet Ilona Burkhart-Schäfer.
Eigene Rohkost-Produkte in Planung
Das sieht ihre Nachfolgerin genauso. Zuletzt war sie beim Mannheimer Energieversorger MVV im Vertrieb tätig als Portfolio-Managerin, erzählt sie. Eine gute Position, aber keine, mit der sie glücklich wurde. Sie habe zwar Betriebswirtschaftslehre studiert, sagt sie, aber immer das Gefühl gehabt, es sei nicht das richtige für sie. „Männer in Krawatten – das ist nicht meine Welt.“
Der Bioladen schon. Für den hat die neue Chefin bereits Ideen. Etwa Rohkostprodukte aus eigener Herstellung. Neben einer Renovierung will sie auch das Thema „unverpackt“ angehen. Das Konzept will sie aber fortführen, mit den Mitarbeitern, dem Angebot und den Öffnungszeiten. Eine neue Aushilfe kam nun aber hinzu: Die frühere Eigentümerin arbeitet weiterhin stundenweise mit. Für beide ein Gewinn.
Für Ilona Burkhart-Schäfer ist das Ganze ein Glücksfall. Auch für Dahn, findet sie. Denn dort ist der Bioladen nicht nur für Einheimische eine feste Größe. Manche Feriengäste erkundigten sich schon vor der Buchung, ob es vor Ort einen Bioladen gebe, erzählt sie.
Das Geschäft
1990 startete Ilona Burkhart-Schäfer mit ihrem Naturkostladen mit Trocken- und Frischesortiment auf 50 Quadratmetern in der Pirmasenser Straße. Aus Überzeugung – weil der Hauswirtschaftsmeisterin gesunde Ernährung am Herzen liegt, der nächst gelegene Naturkostladen in Pirmasens aber relativ weit weg ist. Ihr Bio-Konzept kam an, die auf 120 Quadratmeter gewachsene „Biothek“, heute in einer ehemaligen Apotheke in zentraler Lage, bietet ein breites Sortiment für den alltäglichen Bedarf – und für eine stetig wachsende Nachfrage. Derzeit sind dort zwei Festangestellte und vier Aushilfen tätig.