Kultur Südpfalz Behutsamkeit und tosende Pracht
Der aktuelle „Landauer Orgelpunkt“ beschwört die Power des angeblich schwachen Geschlechts. Und in der Tat – auch das zweite Konzert der Reihe brachte am Sonntagabend die Stiftskirche sprichwörtlich zum Beben. „Te Deum“, das lateinische Gotteslob, wies als programmatischer Titel die Richtung auf eine hymnisch klangopulente Werkfolge. Die eigentliche Sensation aber war die Frau auf der Orgel-Bank.
Der gerade mal 28 Lenze umspannende Lebensweg von Anna-Victoria Baltrusch – ihr zweiter Vorname scheint Programm – ist mit Wettbewerbssiegen und Auszeichnungen regelrecht gepflastert: ARD-Wettbewerb, Bundesauswahl junger Künstler, sechs Erste Bundespreise bei „Jugend musiziert“, stets das obere Siegertreppchen bei mannigfaltigen Ausscheidungen quer durch die Republik und darüber hinaus; Konzerte durch ganz Europa und, als Pianistin, auch mit renommierten Orchestern. Darüber hinaus unterrichtet Baltrusch an der Musikhochschule Leipzig Künstlerisches Orgelspiel, außerdem bespielt sie Tonhallen-Orgel des Neumünsters zu Zürich und leitet allda den Kammerchor Tonart. Soweit der auszugsweise Steckbrief. Dem titelgebenden „Te Deum Laudamus“ von Dieterich Buxtehude (BuxWV 218), das sich in freier Gestaltung des motivischen Materials des gregorianischen Chorals bedient, hatte die Organistin als weiteres Barockwerk Präludium und Fuge G-Dur von Bach (BWV 541) vorangestellt. Und der energische, tempofreudige Zugriff bei Bach, mehr noch die bis in Nuancen perfekt ausbalancierte Farbpalette, in der sie das Buxtehude-Stück geradezu badete, verrieten künstlerisches Kalkül im besten Sinne. Das wirkte ebenso eigenwillig wie auf entwaffnende Weise authentisch. Wie eine meditative Sammlungsübung vor dem hernach losbrechenden spätromantischen Bildersturm umschmeichelte das 2004 uraufgeführte „Salve Regina“ des libanesisch-französischen Komponisten Naji Hakim Ohr und Gemüt. Anna-Victoria Baltrusch zelebrierte den filigranen Melodienreigen auf seinem sanft atonalen Begleitbett mit ungeheurer Ruhe und nachdrücklicher, insistierender Spannkraft. Danach schien es, als sei die Rieger-Orgel aufgefordert, den Jackpot all ihrer Möglichkeiten auszuschütten. Die Lust am emotionalen Kontrast, hie überbordende Gefühlswucht, da Rückzug in dunkelste Innensicht: Geradezu exemplarisch führten die beiden letzten Sätze aus Max Regers Opus 59, „Melodia“ und „Te Deum“, dies vor Ohren. Und auch seine beiden weniger prominenten Zeitgenossen, der Engländer Charles V. Stanford – zu Lebzeiten gefürchtet für seine Temperamentsausbrüche, die in Fantasia und Fuge op. 57 auf spektakuläre Weise musikalische Auferstehung zu feiern scheinen – und der Amerikaner James Hotchkiss Rogers, dessen brillante „Concert Overture“ aus dem Jahr 1913 den Widor-Schüler ohne epigonalen Beigeschmack, aber doch eindeutig, verrät, zelebrieren das Spiel mit Affekten anrührend bis hemmungslos. Unter Händen und Füßen der brillanten Protagonistin jedenfalls inszenieren sich die fantastischen Tonschöpfungen zu einer Art klangsinnlichem Bühnenzauber, der einem fast körperlich erfasste. Die oftmals überraschenden Registerkombinationen, das in immer neuen aparten Schattierungen changierende orchestrale Instrumentarium, der ungemein minuziöse Einsatz des Schwellers, zwischen federleichter Behutsamkeit und Aufbruch zur tosenden Pracht des Vollwerks: dahinter steckte ein selbstsicherer Gestaltungswille von ungetrübter Überzeugungskraft. Und ein nicht korrumpierbarer Instinkt für Werktreue und Geschmack. Großer Beifall für so viel Frauen-Power. Info Im dritten Konzert der Reihe am 5. August um 18 Uhr zeigt Heidi Merz, dass auch Frauen fantastisch mit den Stöcken zu Werke gehen. Und sie bündelt das im Dialog mit Anna Linß an der Orgel zu einer packenden Duo-Performance. Originalkompositionen in dieser Besetzung von Harald Feller erklingen, dazu Werke von Evelyn Glennie, Jehan Alain und Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.