Rheinpfalz
An der Uni in Kaiserslautern entwickeln Studenten Algen, die Plastik fressen
Algen, die Plastik fressen? Klingt nach Science-Fiction. „Chlamy Yummy“ ist aber ein Forschungsprojekt von jungen Studenten an der Technischen Uni. Eine Menge Menschen glauben an die Idee und unterstützen sie finanziell.
Pet-Flaschen restlos wegmampfen und dabei zwei Abfallprodukte erhalten, die wieder benutzt werden können. Das ist die schnelle und leicht verständliche Erklärung von dem, was ein zwölfköpfiges Nachwuchsforscherteam der Technischen Uni (TU) leistet. Oder besser: Was die genetisch veränderte Grünalge „Chlamydomonas reinhardtii“ mit Unterstützung der synthetischen Biologie leistet.
„In dem Team arbeiten Biologen, Biophysiker und Biochemiker. Einen Informatiker haben wir auch noch dabei“, sagt Saskia Zeilfelder aus der „Chlamy Yummy“-Gruppe. Vor gut einem Jahr hat sich das Projektteam zusammengefunden, damals noch ohne konkreten Plan, nur mit dem Ziel, 2019 an einem internationalen Wettbewerb des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston teilzunehmen. „Das ist der größte rein studentische Wettbewerb der Welt. Dabei geht es darum, durch synthetische Biologie, also die Anwendung von Gentechnik, bestehende Probleme zu lösen.“ Nach Angaben der jungen Forscher ist das Lauterer Team die erste Mannschaft aus Rheinland-Pfalz, die an diesem Wettbewerb teilnimmt. Schnell sei man auf der Suche nach einer Aufgabe bei einem japanischen Forscher gelandet, der es geschafft hat, mit Bakterien Plastik abzubauen.
Erfolgreiches Crowdfunding
Im Dezember ging’s für die Kaiserslauterer dann zum ersten Mal ins Labor. „Wir haben uns für die Grünalge entschieden, weil an der TU schon lange mit ihr gearbeitet wird“, erzählt Niko Dalheimer. Die genetisch modifizierte Alge lagere sich am Mikroplastik genau dort an, wo sie gebraucht werde. Pet-Flaschen oder andere Pet-Verpackungen werden dabei von der Alge mit Enzymen in die Grundbausteine Terephthalat und Ethylenglykol zerlegt. Ersteres kann zu neuen Pet-Verpackungen werden, Ethylenglykol könne in Ethanol umgewandelt und als Treibstoff verwendet werden. Bislang werde der Plastikabfall großteils aufwendig chemisch abgebaut oder schlicht verbrannt.
„Bis es soweit ist, müssen wir aber schon noch forschen“, betont Zeilfelder. „Wir wollen einen großen Bioreaktor aufbauen, in dem die Algen dauerhaft bleiben und Plastik zersetzen.“ Doch das benötige weitere Forschung, koste Zeit und Geld. Finanziert wurde das 40.000-Euro-Projekt – Materialkosten und Fahrten zu Konferenzen und Tagungen, Stand August– zum größten Teil durch Sponsoren. Seit Juli außerdem mit einer Crowdfunding-Kampagne, an der sich in etwas über einem Monat fast 300 Menschen beteiligten und gut 12.300 Euro in die Teamkasse spülten. „Wir konnten es selbst nicht fassen“, sagt Zeilfelder zur Finanzierungskampagne.
Gentechnik oft negativ besetzt
Das nächste Ziel der Gruppe ist nun die Abschlussveranstaltung in Boston Ende Oktober. Dort stellen die zwölf Jungforscher ihr Projekt vor. Dalheimer: „Dabei geht’s noch nicht einmal ums Gewinnen, mehr noch darum, Kontakte zu knüpfen und mit den anderen Teams ins Gespräch zu kommen.“ In den vergangenen Wochen haben sich die „Chlamy Yummy“-Macher schon mit Gruppen aus Paris und London getroffen.
Ein bisschen schade finden es die beiden 22-Jährigen, dass der Begriff Gentechnik vielen Menschen negativ aufstoße. „Dabei begegnet sie uns alltäglich“, betont Dalheimer, „ob im Waschmittel, um die Kleidung sauber zu bekommen, oder bei der Herstellung von Insulin.“ Das Team habe sich deswegen auch auf die Fahnen geschrieben, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und zu zeigen, dass Gentechnik eine Hilfe sei und keine Gefahr.
Kommt „Chlamy“ ins Meer?
Übrigens: Die genmodifizierte „Chlamy“ einfach ins Meer zu werfen und sie das dort treibende Plastik auffressen zu lassen, das funktioniert nicht: „Genveränderte Organismen dürfen nicht einfach freigesetzt werden“, sagt Dalheimer, „und außerdem ist ,Chlamy’ eine Süßwasseralge.“