Turnen
Zwei Corona-Gebeutelte melden sich zurück
Lukas Dauser stockte kurz auf seinem Weg durch die Halle. Der Moderator am Mikrofon hatte gerade verkündet, der Olympiazweite am Barren sei wieder da, da musste sich der Unterhachinger gleich beschweren. „Ich war nie weg!“, rief Dauser laut.
Die jüngsten Ergebnisse bestätigen ihn. Nach der ersten Qualifikation der deutschen Kunstturner für die am 29. Oktober beginnende WM in Liverpool gewann der 29-Jährige am Samstag auch die zweite. Mit 82,732 Punkten ließ Dauser in Rüsselsheim knapp seinen Trainingskollegen aus Halle, Nils Dunkel (82,632), hinter sich. Mit 15,255 Punkten an den beiden Holmen sorgte er für die Tageshöchstnote. „Ein paar Kleinigkeiten“ hätten noch nicht gestimmt, einmal musste er im Handstand einen Schritt machen. „Aber es sind ja noch zwei Wochen Zeit, um daran zu arbeiten“, sagte der deutsche Mehrkampfmeister.
Aus einem fatalen Fehler lernen
Die Erinnerungen an die EM in seiner Heimatstadt München habe er nicht verdrängt. „Sie gehören zu mir“, betont der Sportler. Aus dem Fehler, dem Abstieg im Barrenfinale, der die ersehnte Medaille kostete, wolle er lernen. „Ich bin damals zu vorsichtig herangegangen“, sagt Dauser. Statt anzugreifen, habe er „etwas verteidigen wollen, was ich noch gar nicht hatte“. Dadurch sei er verkrampft.
Anders als nach der Heim-WM in Stuttgart 2019 fiel Dauser nicht in ein Loch. Die Krisen der Vergangenheit, auch jene nach den Spielen von Tokio, als er nur noch wenig Lust auf das tägliche Quälen an den Geräten verspürte, haben den Perfektionisten stärker werden lassen. Eine Auszeit nach der EM ließ sich trotzdem nicht vermeiden: Dauser erkrankte an Covid-19, zwei Wochen seien „eklig gewesen“. Doch schneller als befürchtet kehrte die Fitness zurück, und nur am Boden spüre er noch die konditionellen Defizite. So bleibt Dauser der unumstrittene Leader des WM-Quintetts. Neben ihm und Dunkel sollen laut Bundestrainer Valeri Belenki auch der Cottbuser Lucas Kochan sowie die beiden Hannoveraner Andreas Toba und Glenn Trebing dazugehören.
Seitz: Kopf ist klar, Körper braucht Zeit
Bei den Frauen stellt sich die Riege von Chefcoach Gerben Wiersma fast von selbst auf: Schwebebalken-Europameisterin Emma Malewski aus Chemnitz steht als einzige aus dem EM-Quintett für einen Mehrkampf zur Verfügung und entschied mit 50,332 Punkten die zweite Qualifikation für sich. Die Stuttgarterin Elisabeth Seitz wird am Stufenbarren, wo sie im Sommer EM-Gold gewann, und am Sprung starten, die WM-Zweite am Balken, Pauline Schäfer-Betz, verzichtet auf einen Einsatz an den beiden Holmen. Aus dem Trio der Nachwuchsturnerinnen, Karina Schönmaier (Buchholz), Anna-Lena König (Bodersweier) und Lea Quaas (Chemnitz), wird Quaas als Ersatz mitreisen.
Für Seitz, die später als Dauser vom Coronavirus flachgelegt wurde, war es wichtig, sich am Samstag zu zeigen. „Mein Kopf ist schon bei 100 Prozent“, der Körper müsse aufholen: „Ich werde bei der WM sicher nicht auf höchstem Niveau sein“, gestand sie. Doch mit ihrer Wettkampfhärte kann „Elli“ Seitz sogar sich selbst immer wieder überraschen.