Sport WM-Tagebuch (16) : Französische Freude bei Tacos und Tostadas
Trio aus Toulouse feiert Viertelfinal-Einzug im mexikanischen Fan-Haus mitten in Moskau
Laut schallt es durch die riesige, so prachtvolle historische Markthalle Gostiny Dvor: „Allez les bleus! Allez les bleus! Vive la France!“ Im mexikanischen Fan-Haus in Moskau sind wie zu jedem WM-Spiel auch am Samstagnachmittag Anhänger aus aller Welt versammelt. Ein kurzes Gewitter und ein heftiger Regenschauer sind vorüber. „Allez les bleus!“ Eine kleine Gruppe von Franzosen mit den blauen Fantrikots ihrer Nationalmannschaft und einer Stoff-Flagge jubelt, als es Elfmeter gibt im ersten WM-Achtelfinale. Die argentinischen Anhänger, die im mexikanischen Fan-Haus klar in der Überzahl sind, halten sich schweigend die Hände vors Gesicht. „Vas-y Antoine!“, auf geht’s, Antoine, ruft Cedric Raymond, als Starstürmer Griezmann zum Strafstoß anläuft – 1:0 für Frankreich. Cedric (47) und sein gleichaltriger Kumpel Frédéric Boyer reißen die blau-weiß-rote Flagge in die Höhe und springen wild umher. Mit ihrem Freund Roger Barace (62) sind sie über Berlin nach Moskau geflogen, vor allem des Fußballs wegen. Das 0:0 der Franzosen gegen Dänemark haben sie live im Luschniki-Stadion erlebt. Für das Achtelfinale gegen Argentinien hatten sie keine Tickets. Die Partie, die sich im Nachhinein als so spektakulär erwiesen hat, auch im Stadion zu erleben, hätte die Reise des Trios aus Toulouse bereichert. Aber es hätte sie auch verkompliziert: Der Spielort Kasan liegt 720 Kilometer von Moskau entfernt. Sie und ich haben eine prima Alternative mitten in Moskau gefunden. Das Einkaufszentrum Gostiny Dvor befindet sich gegenüber des Luxus-Kaufhauses Gum, nicht weit vom Roten Platz entfernt. „Optimal für einen regnerischen Tag, hier ist alles überdacht, es ist viel Platz, es gibt eine riesige Leinwand, Getränke und Essen“, sagt Frédéric. Der Eintritt ist frei, nur die üblichen Sicherheitschecks muss man über sich ergehen lassen. Die Organisatoren des mexikanisch-russischen Kultur- und Tourismusprojekts freuen sich, dass viele internationale Fußballfreunde und auch „normale“ Moskau-Reisende bei ihnen zu Gast sind. Rund um die Rudelguck-Zone sind bunte Stände aufgebaut, an denen sich Mexiko in seiner ganzen Vielfalt dem Rest der Welt präsentiert. Auch russische Buden und Kunstausstellungen gibt es. Die freundlichen Mitarbeiter bringen den Gästen das mexikanische Kunsthandwerk, die berühmten bunten Azteken-Masken, Mezcal- (Agavenschnaps), Kaffee- und Honig-Herstellung oder den Pekannuss- und Erdbeer-Anbau näher. Natürlich gibt es als Fußballguck-Verpflegung stilecht Tacos, Quesadillas und Tostadas. Die drei Freunde aus Toulouse lassen es sich zur Halbzeit schmecken, auch wenn das sehenswerte 1:1 durch Ángel Di María (41.) ihnen die erste Euphorie genommen hat. „Es tut uns leid für Deutschland, sehr schade. Aber ihr habt einfach schlecht gespielt, das muss man sagen. Und ihr wart ja auch erst Weltmeister, jedes Mal schafft man das halt nicht. Wir hatten ja auch schon Turniere, in denen bei uns gar nichts geklappt hat“, meint Frédéric. So sieht es auch kurz nach der Pause des Argentinien-Spiels aus: Frankreich hat Pech. Lionel Messi zieht ab, der Ball prallt von Gabriel Mercados Fuß ab, verändert so die Richtung völlig. Unhaltbar. 2:1 für Argentinien (48.). Riesenjubel unter den vielen hellblau-weiß gekleideten Anhängern aus Buenos Aires, Córdoba oder Rosario. Das Tor kommt mit Ansage: In den Säulengängen vor den Läden des Gostiny Dvor ist schon eine Minute früher gebrüllt worden, die Information über das 2:1 ist bereits per App gekommen – die berühmte Verzögerung je nach Übertragungsweg. Dann geht’s rund. Die französischen Fans sind nicht mehr zu halten. Kylian Mbappé und Kollegen drehen auf. Drei Treffer am Stück für die „Équipe Tricolore“. Erst Benjamin Pavards Traumtor, dann zweimal Mbappé (64., 68.). „Und der Junge ist erst 19!“, ruft Frédéric jubelnd. Plötzlich steht es 4:2 für Frankreich. Eine Argentinierin ist bedient. Hektisch holt sie einen kleinen Spiegel aus der Handtasche und schminkt sich. Noch einmal durchatmen, Sergio Agüero hat das 4:3 erzielt (90.+3). Durchhalten! Das Spiel ist aus! „Vive la France, vive Mbappé!“, rufen die Kumpels aus Toulouse. Und jetzt? „On verra“, wir werden sehen, sagt Frédéric. „Brasilien wird Weltmeister. Oder auch Belgien. Für uns ist es dieses Jahr noch zu früh.“ Gestern haben die Freunde aus Toulouse noch das sensationelle Aus der Spanier im Elfmeterkrimi gegen Russland live im Luschniki-Stadion erlebt. Das Viertelfinale ihrer Landsleute gegen Uruguay werden sie daheim in Frankreich schauen. Und vor Aufregung wild umherspringen.